Liebe Kritiker:

Warum wir uns bemüßigt gefühlt haben, den letzten Blogpost zu schreiben
Unsere Kritik galt der Art, wie auf unseren Frauenmangel hingewiesen wird. Wir möchten uns tatsächlich um schüchterne Piraten kümmern. Und wir möchten tatsächlich erforschen, warum sich u.a. weniger Frauen bei uns engagieren. Die Kommentare der letzten Tage grätschten uns allerdings genau in diese Arbeit hinein. Das finden wir schade, denn wir möchten uns eigentlich bemühen, jede und jeden mitzunehmen.
“Post-Gender” ist ein Ideal, das wir verfolgen, eine Geisteshaltung, die wir annehmen wollen. Wir wissen selbst, dass auch die Piraten nicht vom Himmel, sondern aus einer sexistischen Gesellschaft gefallen sind. Wer behauptet, wir wären bereits Post-Gender, der verbreitet die Unwahrheit und verschließt die Augen vor der Realität. Wer behauptet, dass wir Kegelklublerinnen behaupten würden, wir wären alle Post-Gender, der verbreitet ebenfalls die Unwahrheit. Wiederum müssen wir betonen, dass es in der Piratenpartei eine Menge unterschiedlicher und durchaus kontroverser Meinungen zum Thema “Frauen und Gender undsoweiter” gibt. Es ist keineswegs so, dass wir alle die Meinung vertreten, wir hätten kein Problem. Wir glauben aber auch nicht, dass die vorhandenen Probleme unlösbar wären.
Natürlich dürfen wir uns nicht hinter WIR SIND ALLE SO POSTGENDER LALALALA verstecken, sondern müssen das Problem anerkennen und angehen, wir möchten aber andere Mittel als die Quote benutzen, da jede Quote notwendigerweise binär kategorisiert und Geschlechtszuschreibungen zementiert. Wenn du Ideen hast, wie das gehen könnte oder Hinweise oder Tips: Bitte mach mit. Egal ob du Pirat* bist oder nicht.
Wir sind uns bewusst, dass die Mitarbeit bei den Piraten für einige Frauen schwer ist, aber  wir arbeiten daran, das zu ändern. Der Blogpost sollte das Problem ansprechen, dass der Diskurs zur Zeit in den Medien nicht mit ausreichender Tiefenschärfe und vor allem ohne die Protagonist*en geführt wird
Mitmachen statt Draufhauen
Bitte haut nicht nur auf uns drauf, sondern helft uns. Einige von uns mögen – was Gleichberechtigung angeht – weiter sein als andere, aber auch wir sind personell begrenzt und kämpfen gegen ziemlich große Windmühlen.
Uns wird vorgeworfen, den Frauenmangel der Piratenpartei unter den Teppich kehren und statt die Kritik an unseren Strukturen anzunehmen, die Schuld auf die Medien schieben zu wollen. Das war zu keiner Zeit unsere Intention. Wir sind bereits dabei, uns aktiv und konstruktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, nur scheint es den meisten Teilnehmern am Diskurs leichter zu fallen, in Denkschablonen zu operieren und schnell Schuldige statt Lösungen ausfindig zu machen. Das ist jedoch unserer Meinung nach nicht zielführend. Alle sind eingeladen, nicht nur viel zu erzählen und böse zu werden, sondern sich mit uns und jeweils miteinander auseinanderzusetzen. Durch Zuhören, konstruktive Vorschläge und vor allem konkretes Handeln.
Die ersten Ansätze könnten sein:
  • Jetzt direkt auf weibliche Neupiraten zugehen, sie nicht gleich mit unserem eher rauhen Umgangston verschrecken, sondern ihnen helfen, sich zurechtzufinden, den Mut zu Wortmeldungen zu finden, sie vernetzen und ihnen zeigen, wie sie sich auf vielfältige Weise einbringen können. Statt des ewigen „Man müsste mal“ mehr “Yeah das machen wir jetzt so!“
  • Allgemein an den Kommunikationsstrukturen arbeiten, so dass ein freundlicherer Tonfall entsteht, mehr Respekt füreinander, mehr Solidarität füreinander im “Shitstorm-Fall”, ein Tonfall, bei welchem Wortbeiträge ernst genommen werden, egal von wem sie kommen, und Kritik an diesen sachlich formuliert wird. Greift ein Pirat einen Anderen auf einer persönlichen Ebene an – sei es nun durch Kommentare über sein Aussehen, seine sexuelle Orientierung oder sein Geschlecht– ist es die Aufgabe aller, dem Einhalt zu gebieten und dem Angegriffenen den Rücken zu stärken.
  • Über die großen, gesamtgesellschaftlichen Probleme sprechen: WARUM sind so wenige Frauen in technischen Berufen, wie könnte man sie ermutigen, sich in diesem und in anderen Bereichen stärker zu engagieren? Und wie kann man das Umfeld junger Mädchen davon abhalten, sie (unabsichtlich) zu demotivieren? ( Dasselbe gilt für Jungs und soziale Berufe).
    Wie können wir gesellschaftliche Strukturen so aufbrechen, dass Kinder nicht permanent in ein Rollenmuster gequetscht werden und was kann jeder einzelne (Pirat) dazu beitragen?
Lasst uns vor allem damit aufhören, erbost mit Fingern aufeinander zu zeigen. Niemand von uns ist perfekt. Lasst uns was ändern! Für alle und mit allen! Es gibt so viel zu tun!
Autorinnen: @_nojoum, @lotterleben und ein bisschen Hilfe von Freunden.
About these ads

15 Antworten zu “Liebe Kritiker:

  1. Mir gefällt eure konstruktive Art sich mit der Gender-Thematik auseinander zu setzen!
    Macht weiter so – meine Unterstützung habt ihr. :)

  2. “Wie können wir gesellschaftliche Strukturen so aufbrechen, dass Kinder nicht permanent in ein Rollenmuster gequetscht werden und was kann jeder einzelne (Pirat) dazu beitragen?”

    Da könnte eine Antwort sein: Psychologie & Gender Studies als Schulfach einführen. Das versetzt Individuen tendenziell dazu in die Lage, früher Geschlechterrollen zu hinterfragen, sorgt somit für mehr Definitionsfreiheit in pubertierenden Strukturen, die m.E. ein kritischer Zeitpunkt sind (Entwicklung von sog. erwachsener Sexualität, ergo auch sexueller Normen)

    “Über die großen, gesamtgesellschaftlichen Probleme sprechen: WARUM sind so wenige Frauen in technischen Berufen, wie könnte man sie ermutigen, sich in diesem und in anderen Bereichen stärker zu engagieren? Und wie kann man das Umfeld junger Mädchen davon abhalten, sie (unabsichtlich) zu demotivieren? ( Dasselbe gilt für Jungs und soziale Berufe).”

    Meh… klingt so nach Identitäten angleichen, statt diversifizieren. *mecker* (Halb-)Konstruktiver Gegenvorschlag: Gender- & Diversity-Kompetenzen bei pädagogischem Personal fordern und fördern.

    Falls noch in irgendeiner Weise Verstärkung benötigt wird: Hier! Erfülle zwar aufgrund fehlender biologischer Kompetenzen nicht die gängigen Voraussetzungen für die Frauenquote, kann das aber mit philosophischem, psychologischem, sprachwissenschaftlichem und queerfeministischem Laienwissen etwas ausgleichen. Das mit der Vernetzung hab ich allerdings noch nich so drauf…

    • Lotterleben

      Lieber Yannick,
      Herzlich willkommen in der Riege der Eichhörnchen ;)

  3. KAOS

    Gefällt mir. Trefft ihr euch irgendwo? Ich wär dabei.

  4. Noch kein Pirat

    Lasst euch bitte nicht von den Medien und “Gender-ExpertInnen” verbiegen.

    Eine zweite Grüne Partei braucht wirklich kein Mensch. Es gibt schon eine. Ihr wollt doch eine neue Alternative sein.

    Bleibt bitte anders und fangt insbesondere nicht den Quatsch mit sogenannter “positiver” Diskriminierung an.

    Seid weiterhin gegen JEDE Form der Diskriminierung und Bevorzugung.

    Euer Post-Gender-Ansatz ist großartig. Akzeptiert ihn in eurer Partei und verteidigt ihn. Das bedeutet NICHT, dass ihr die Augen vor der Realität in der Gesellschaft da draußen verschließen müsst.

    Trennt bitte etwaige Probleme “in der Piratenpartei” und “in der Gesellschaft”. Ihr als Partei seid viel weiter als die Gesellschaft. Seht die Partei als Vorbild und Vision und seht trotzdem die Probleme in der Gesellschaft. Tretet offensiv für euren modernen Geschlechter-politischen Kurs ein.

    Das eine (moderner Post-Gender-Ansatz innerparteilich) schließt das andere (Probleme in der Gesellschaft sehen) nicht aus! Macht das klar! Und zwar laut, damit die Kritiker und Skeptiker das hören!

  5. Wunderbar!

    Die Sache mit dem Schulfach halte ich übrigens für schlau: frühzeitig ein Bewusstsein für die Problematik schaffen.
    In Thüringen gibt es seit 1992 oder ’93 für die 2. Klasse bis zum Ende der Schulzeit das Schulfach “Ethik”. Dort geht es in den Unterstufen um das Miteinander und dort gehört so etwas hin – also kein extra Schulfach oder so etwas. In der Praxis ist es bisher so, dass im Schulfach Ethik sehr viel Religionswissen wiederholt wird, was man meines Erachtens vermindern könnte.

    Ansonsten muss ich auch hier nochmal erwähnen, dass ich derzeit die Aussage “Piraten sind eine Männerpartei” für eine selbsterfüllende Prophezeiung halte. Wenn die Medien das pushen, könnten eigentlich interessierte Frauen davon abgehalten werden, sich bei den Piraten zu engagieren – im Gegenzug dazu treten “Maskulisten” wahrscheinlich vermehrt ein. (Wobei des jetzt vielleicht nicht mehr so stark ist wie 2009, da Manndat ja von der Wahl der Piratenpartei abrät.) Hier müssten die Piraten es irgendwie schaffen, medial gegenan zu gehen und auch dem Vorwurf “Ihr geht nur der subtilen strukturellen Diskriminierung auf dem Leim” kontern können.

    Gruß,
    Stephan

  6. Super, vielen Dank für diese Initiative!

    Ich bin Neu-Pirat, und ebenso Neu-Piratin. Obwohl ich ausgesprochen post-gendermäßig von meinen Eltern erzogen wurde, mein Leben lang alles getan, angestrebt und erreicht habe, wozu ich Lust hatte, und was so mancher Mann nicht erreicht hat, lege ich doch Wert auf meine neu gewonnene Weiblichkeit, die ich mir ab etwa Ende 20 zugelegt habe. Mühsam, weil ich sie bis dahin negiert hatte, das war irgendwie chic damals.
    Kinderfeindlich war ich auch, bis ich schwanger werden wollte und wurde. Heute liebe ich Kinder und trainiere sie, post-gendermäßig, meine Meinung hat sich schwerwiegend geändert. Auch in Bezug auf die gender-Thematik. Liegt vielleicht am Alter oder am Lebensentwicklungsstand. Wenn ich mir die Stimmen einiger Piraten-Mädels heute so anhöre, fühle ich mich sehr an mein Trompeten von damals erinnert.

    Wenn ich mich heute nicht Piratin nennen dürfte, wenn ich wollte, würde mich das stören. Also nenne ich mich Piratin. Beim Eintritt in die Piratenpartei habe ich mir eigens dafür einen neuen email account angelegt. Die Satzung hatte ich bis dahin nicht studiert. Als ich Andreas Baum meine email Adresse nannte, weil er mich auf einen Verteiler setzen wollte, stutzte er und fragte nochmal nach, bevor er sie eintrug. Hab ich damals gar nicht verstanden. Ich fand meine email piratin.name@bla.de gut. Und finde sie immer noch gut.
    Und je mehr mir jemand einreden will, ich dürfte mich so nicht nennen, vor allem Frauen, desto mehr gefällt sie mir.

    Zu meinen Vorschlägen:
    Wenn es hier post-gendermäßig zugehen soll, dann darf sich wohl jeder nennen, wie er/sie will. Ich will Piratin sein, und ich höre aber auch völlig unkompliziert auf ‘Pirat’. In der Satzung würde ich mir eine Ergänzung vorstellen:
    Die Mitglieder werden in der Ansprache als Piraten, bzw Pirat bezeichnet. (um uns die mittlerweile fast zum Absurden ausgewalkte Anspracheform ‘liebe XXX und liebe XXXinnen’ zu ersparen.) Jedem Mitglied steht es aber frei, sich selbst als Piratin oder Pirat zu bezeichnen, eben so, wie er/sie es für sich wünscht.

    Besonders gut gefällt mir @AndiPopps Titel Piratin. Genau, so geht das. Am Ende sagt es doch gar nichts aus. Pirat, Piratin – wer dahinter steht, ist doch wurscht. Ich will das aber selbst entscheiden können.

    Zu den Umgangsformen habe ich auch einen Vorschlag.
    Bisher habe ich keinerlei schwierige Umgangsformen erlebt, und wenn, wüsste ich mich schon zu wehren. Aber die mir zugetragene Geschichte einer Neu-Interessentin, die sich einer Info-Gruppe im Kinski angeschlossen hatte, und im Laufe der Diskussion von einem jungschen M mit ‘Du bist scheiße’ angesprochen wurde, hat mich doch etwas stutzig gemacht. Zum Glück stand die Frau, vielleicht auch dank ihres Alters, über solch niedere Umgangsform. Bedauerlicherweise gab es aber auch keinerlei Abmahnung vom Gesprächsleiter oder der Gruppe.
    So etwas sollte in der Satzung definiert und festgelegt werden. Es gibt ausgesprochen hilfreiche Umgangsformen, und es hilft meiner Ansicht nach definitiv, sich ein paar derer zu besinnen, wenn wir vorhaben, eine Öffnung hin zu anderen Zielgruppen als den bisher angesprochenen Jung-Piraten zu finden.
    Ich halte das Potenzial, gerade auch in der Gruppe der Frauen, für umwerfend groß. Nur, mit Sandkasten-Diskussions-Verhalten wird diese Gruppe auch gleich wieder davonkatapultiert. Was ich für dramatisch unschlau halte.

    Folgende Regeln habe ich als sehr hilfreich schätzen gelernt:
    Wenn jemand spricht, schweigen die anderen, bis dieser das Wort abgibt. Erst dann wird darauf reagiert. Zwischenrufe unterbleiben auf diese Weise, ein Gespräch bekommt eine Entschleunigung, die sehr kostruktiv wirkt, und es werden auf diese Weise Freiräume für den Redenden geschaffen. In unserer Crew funktioniert das super. Dort bin ich übrigens derzeit noch die einzige Frau. Was sich hoffentlich bald ändert. Auch wenn meine Jungs da wirklich klasse sind und ich mich sehr wohl fühle!

    Falls Zeitnot herrscht, wird notfalls eine feste Redezeit pro Redner fetgelegt, die dann auch umgesetzt bzw respektiert wird. Bei einem abgesprochenen ‘Dingdong’ ist Schluss, sofort.

    Sämtliche sprachliche Entgleisungen, von denen sich andere verletzt fühlen, unterbleiben und werden, im Falle ihres Auftretens, von der Gruppe abgemaht. Bei mehrfachem Ignorieren verlässt der Verletzende die Runde, bis er sich beruhigt hat und in der Lage sieht, wieder respektvoll zu kommunizieren.

    Ach, es gibt noch viele Ideen, ich bringe mich gerne ein, aber jetzt muss ich mein Kind ins Bett bringen. Gute Nacht. Ich freue mich darauf, mich endlich aktiv in dieser Sache einbringen zu können.

    piratin.christiane
    @lainee42

    • Ahoi Piratin Christiane ;-)

      ich stimme dir vollkommen zu. Deine Vorschläge sind eigentlich auch schon umgesetzt, denke ich, nur vielleicht nicht auf Stammtischen. Zumindest bei uns sind die Stammtische eben informell und einfach zum Quatschen gedacht und da geht es quer durcheinander. Wenn sehr, sehr viele etwas sagen wollen, dann sollte man aber wahrscheinlich echt mal sagen “STOP!” und den Moderator spielen. ;-)

      Bei Parteitagen und ähnlichen Veranstaltungen (z.B. den Plenen, wo nur diskutiert und nichts beschlossen wird) gibt es einen Versammlungsleiter und der erfüllt genau diese Aufgabe, die du sagst. Wobei es bei uns auch schon vorkam, dass der Versammlungsleiter selbst einen aggressiven Stil an den Tag legte, was äußerst destruktiv sein kann. Andererseits, wenn der Versammlungsleiter zu passiv ist und Leute nicht ermahnt oder er nicht moderierend einwirkt, ist es natürlich auch schlecht. Also, wie immer, ist das gesunde Mittelmaß gefordert.

      Beste Grüße,
      Stephan

  7. dreihörnchen

    Von mir ein doppelplusgut für euer Engagement.
    Wobei ich gegenüber Parteien eine gewisse Skepsis habe, ob dieses Organisationssystem für gesellschaftliche Relevanz nicht eventuell schnell zu träge wird. Bin dann eher für thematisch klar abgegrenzte Initiativen. Insofern bleibe ich bis auf Weiteres in den Bäumen, klettere dort herum und schau mal wie es weitergeht. Mit der Option, dass ich vielleicht irgendwann doch positiv von dem Konzept Partei überrascht beitrete.
    Und zu der Genderthematik: Ich glaube es gibt da keine optimale Lösung. Auch weil eine Balance zwischen “Leute mitnehmen” die noch nie mit LBGTIQ* bewusst in Kontakt gekommen sind und dem eigenen Anspruch gefunden werden muss.
    Und noch mal das Thema “alle müssen gehört werden” anzuschneiden: Wie wäre es denn mit einer quotierten Redeliste, aber als Quotenmerkmal “schüchtern”? – Ersteinteilung auf eigenen Vorschlag, aber wer mehr als $x mal pro $zeiteinheit geredet hat, wir als nicht-schüchtern qualifiziert. Muss ja keine 50% Quote sein, aber hätte den pädagogischen Effekt, das die, welche davor eventuell Angst hatten, sich vor anderen zu Wort zu melden, damit Erfahrungen machen (müssen). Im Interesse der nicht-Schüchternen (damit sie selbst reden können) wird ihr Feedback für die anderen dann auch eher konstruktiv, womit aber die ehemalig Schüchternen sicherer werden und damit eigene Standpunkte besser vertreten können. Wenn es keine Schüchternen mehr gibt (also alle sich aktiv vertreten können) kann diese Quote ja auch gut fallen gelassen werden.
    (Das war jetzt v.a. ein Gedankenspiel zwecks Selbstreflektion )

  8. Schöner Artikel, sehr konstruktiver Ansatz, so gefällt mir die Debatte! Zu den gemachten Vorschlägen: Ein Ansatz könnte sein, die Crews vor Ort mehr in den Vordergrund zu stellen und zu einem ersten nichtvirtuellen Anlaufpunkt für (Neu-)Piratinnen (und Piraten) zu machen. Da muss man(n) dann natürlich auch ansprechende Kommunikations- und Verhaltensweisen zum Besten geben. Reichen wird das natürlich nicht, aber es wäre ein möglicher Anfang. Am Ende werden wir statt dem einen Supermittel wohl einen ganzen Strauß von Maßnahmen umsetzen müssen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Dazu gehört dann möglicherweise auch eine Quote für Ämter und Mandate – selbst wenn die in Deutschland (im Gegensatz zur schwedischen Piratenpartei) bislang unerwünscht ist, denke ich dass wir nicht darum herum kommen. Bei allen Problemen und Schwächen, die eine Quote mit sich bringt (einige wurden gut von Antje Schrupp beschrieben) überwiegen aus meiner Sicht die Vorteile. Aber das ist ein Thema, das vielleicht besser ans Ende statt an den Anfang der Debatte gestellt wird.

  9. Zur dritten Frage: WARUM sind so wenige Frauen in technischen Berufen, wie könnte man sie ermutigen, sich in diesem und in anderen Bereichen stärker zu engagieren?

    Mittlerweile müsste diese Frage doch umformuliert werden: Warum haben die bisherigen Aktivitäten (Girls’ Day, Herbstuni für Mädchen, Aufklärung von Lehrern über Stereotype) so wenig gebracht?

    • DenkMal

      Das Problem liegt hier meiner Meinung nach daran, dass diese Angebote zwar durchaus die ein oder andere Schülerin darauf hinweist, dass sie technische Begabung hat, aber dennoch im Hintergrund aussagt “ihr Mädchen braucht spezifische Förderung, weil ihr von Natur aus kein Interesse an Technik habt”
      Der größte Faktor in der Selbstwahrnehmung ist das sozialisierende Umfeld und das sind Familie, Freunde, die Klassengemeinschaft und auch das, was aus den Medien so auf einen einrieselt. In der Schule ist man schon einen Schritt weiter, zumindest was den Lehrplan anbelangt. Sowohl in Ethik, als auch in Deutsch (bei uns früher auch in Sozialkunde, aber wie das in PoWi gehandhabt wird, kein Plan) wird über Stereotype und Rollenvorstellungen kritisch gesprochen. Was in der Familie abläuft kann man schlecht reglementieren und beeinflussen.

      Und die Medien?

      Tja, da haben wir den Salat. Aufgrund der Furcht, mit Werbung, Filmen etc. Budgetmäßig am Ziel vorbeizuschießen, greifen die Mediengestalter eben auf “altbewährtes” zurück, was zwangsläufig sexistisch ist. Schaut euch mal die Werbung *genau* an, vor allem mit welchen Stilen mit/für Männer oder Frauen geworben wird. Oder Blockbuster-artige Filme, die nicht gerade romantische Komödien sind. Wieviele weibliche Darsteller hat so ein typischer Film im Vergleich zu männlichen? Und welche Rollen übernehmen die jeweiligen Gruppen?

      Ich kann von mir behaupten, dass ich in meiner Jugend nie sonderlich geschlechtsspezifisch behandelt worden bin und mich schon immer für Technik begeistern konnte. Und obwohl ich Kunst liebe, habe ich mich nie für Mode interessiert. Von daher fällt es mir auch schwer, nachzuvollziehen, wie man sich *nicht* für Maschinen oder Physik interessieren kann

  10. bowerranger

    Kann man eigentlich die Abwesenheit einer Quote nicht auch speziell zur Werbung für Frauen herausstellen? Ich mein, das klingt jetzt erstmal ziemlich dämlich, aber gerade in der Piratenpartei sollten doch die Nachteile einer Frauenquote deutlich überwiegen, Stichwort demokratische Legitimation. Mich würde da mal eure Meinung interessieren und hab dazu mal nen Blogpost geschrieben.

    http://bit.ly/qSxuC2

  11. Cassandra

    Okay, erst mal ein Lob dafür, dass es jetzt anscheinend bei euch tatsächlich darum zu gehen scheint die “POSTGENDER!!!11ELF1!!”-Parole auch mit Inhalt zu füllen.

    Was ich für mich aber als schwierig empfinde (und was bei einem anderen Piraten auch schonmal angemerkt habe: http://tarzun.de/archives/384-Piraten-und-Gender-Eine-Frage.html#c630):

    Wo kann ich denn bei euch anknüpfen? Bzw. wo ist denn eigentlich euer eigener Stand beim Thema?

    Wenn ich euch jetzt einfach mal drei Links:

    http://scans-daily.dreamwidth.org/2008916.html

    http://meloukhia.net/2011/03/why_im_leaving_feminism.html

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/apr/10/white-feminism-black-woman-womanism

    hier hin stelle, funktionert das für euch? Könnt ihr damit was anfangen? Oder braucht ihr ganz andere Starthilfen?

  12. Heidrun

    Das Problem ist, dass jeweils verschiedene Tätigkeiten, Verhaltensweisen, Äußerungen etc. Normverstöße sind, je nachdem ob man als Frau oder als Mann wahrgenommen wird. Dies gilt bis hin zu Körpersprache, Lautstärke, Gesten, betrifft aber auch Wissens- und Kompetenzfelder.

    Wer aus der Rolle fällt, bekommt die Konsequenzen für Normverstöße zu spüren. Das macht Angst. Heutzutage haben junge Frauen, wenn ich das richtig beobachte, keine Angst mehr, mit Hunden und Fackeln durchs Dorf gejagt zu werden, wenn sie als ‘Schlampen’ (sluts) gelten, aber dafür jede Menge Angst, sich selbst so zu sehen und zu erleben – aber nach wie vor ist der Mann, der viele ‘rumkriegt’, ganz besonders ‘toll’, nicht zuletzt in seinen eigenen Augen. Das ist nämlich kein Normverstoß. Eine Frau, die in einer Debatte anfängt zu weinen, zeigt zwar Schwäche, verhält sich aber konform, wogegen ein Mann in einer männerdominierten Gruppe sich das kaum leisten kann. Eine Frau mit einem Abschluss in Mathematik wird vielleicht bewundert, ist aber für so einige keine ‘richtige Frau’, und der Mann, der im Kindergarten als Erzieher arbeitet – naja, arme Wurst.

    Diese Normen wirken, weil sie ‘unsichtbar’ und ‘selbstverständlich’ sind. Sie dürfen beides nicht bleiben. Deswegen meine ich, dass die Piraten einen post-gender-Feminismus brauchen. Was zum Vorschein kommt, wenn man diese Normen dekonstruiert, ist Aufwertung von ‘Männlichkeit’ und Abwertung von ‘Weiblichkeit’ bei gleichzeitigem Zwang gegenüber Frauen, ‘weiblich’ zu sein, wenn sie ‘richtige’ Frauen sein wollen. Männer stehen ihrerseits unter dem Zwang, ‘männlich’ zu sein, aber zur Belohnung gibt es Privilegien.

    Ich glaube, wenn man das ‘Frauenproblem’ der Piraten von dieser Seite angeht, kann man zu Ergebnissen kommen. Das bedeutet, es müssen drei Dinge getan werden. Erstens: untersuchen, wo hohe Schwellen für erfolgreich ‘weiblich’ sozialisierte Frauen sind. Zweitens: Abbau dieser Schwellen oder Brückenbau. Drittens: ein selbstorganisiertes, post-gender-feministisches empowerment für weibliche Piraten – denn es nutzt wenig, wenn Frauen innerhalb der Partei gut zurechtkommen, außerhalb aber immer noch vor den selben Mauern und Vogelscheuchen stehen. (Was die Männer angeht, täten sie gut daran, zu begreifen, dass es auch um ihre Befreiung von Zwangsjacken geht …)

    Aber bitte keine Psychologie. Alle Trans-Menschen der Welt können euch ein Lied davon singen, wie schön es sich lebt, wenn die Psychologen erstmal das Sagen haben. Mit Psychologie kann man Normen per Pathologisierung einschärfen, aber keine Normalisierungszwänge aufbrechen.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 32 Followern an

%d Bloggern gefällt das: