Liebe EMMA!

Dieser Brief ist ursprünglich auf müslikinds Blog erschienen.

Liebe Frau Kämper, liebe EMMA-Redaktion,

danke, dass Sie über die Piraten berichtet haben! Das Thema Piratenpartei und Frauen ist lohnend und verdient eine differenzierte öffentliche Diskussion. Bisher ist darüber leider viel Falsches geschrieben worden und das eigentlich Berichtenswerte fiel dabei unter den Tisch. Insbesondere wurden bisher kaum Piratinnen interviewt. Leider bildet Ihr Artikel aber hier keine Ausnahme. Im Gegenteil – ich weiß gar nicht ob ich mich mehr über das Geschimpfe über unsere Männer oder über Totschweigen von uns Frauen ärgern soll. Zu den sachlichen Fehlern im Text hat ein anderer Pirat bereits in seinem Blog Stellung bezogen, dem kann ich mich nur anschließen. Ich habe aber noch einiges hinzuzufügen.

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich seit eineinhalb Jahren Parteimitglied bin, auf drei Bundesparteitagen, zahlreichen Stammtischen, Parteiveranstaltungen und Partys war und über 2000 Personen auf Twitter folge – ein erheblicher Anteil davon dürften Piraten sein. Ich glaube also, dass ich mitbekommen haben müsste, wenn die Piratenpartei ein frauenfeindlicher Haufen wäre.

Eine Äußerung wie die des von Ihnen zitierten anonymen „Piraten-Fans“ ist mir noch nicht untergekommen. Der Artikel suggeriert aber, es würde sich um die heimliche Mehrheitsmeinung der Männer in der Partei handeln. Wenn dem so ist, verbergen sie es äußerst geschickt. Die allermeisten bei den Piraten aktiven Frauen fühlen sich nämlich willkommen und arbeiten gerne mit.

Natürlich gibt es zu wenige Frauen bei den Piraten. Und natürlich stört das viele. Deshalb diskutieren wir viel über das Thema und fragen uns, warum Frauen weniger Politik machen als Männer. Vielleicht stimmt ja mit der Politik was nicht? Schließen wir unbewusst Menschen (vielleicht nicht nur Frauen?) aus? Zahlreiche Blogeinträge, Twitter- und Mumble-Diskussionen sind zu dem Thema entstanden (Mumble ist sowas ähnliches wie Skype. Größere Gruppen können da telefonieren). Die Blogeinträge wären eine gute Lektüre bei der Recherche für Ihren Artikel gewesen! Natürlich gibt es auch Mitglieder, die diese Diskussionen unnötig finden. Und natürlich fallen auch sexistische Witze. Weil wir eine heterogene Gruppe sind und nicht alle die Feminismus-Schule besucht haben. Das sie aber nur diese Meinungen abgedruckt haben, ist sehr einseitig und vermittelt einen völlig falschen Eindruck. Sie würden doch auch nicht ernsthaft empfehlen, dass man sich über Feminismus informiert, indem man Kommentare unter feministischen Blogeinträgen liest? Eben. Ungehobelte Menschen gibt es nämlich überall im Internet. Wir halten es für das Beste, sie gar nicht zu beachten.

Die Menschen, die sich besonders intensiv mit dem Frauen-Thema befassen, haben sich zum „Kegelklub“ zusammengeschlossen. Das ist eine heterogene Gruppe. Die meisten würden Sie als Frauen bezeichnen. Manche nennen sich Pirat, andere Piratin und manche Feministin und andere nicht. Und wir arbeiten alle zusammen, diskutieren, analysieren und sind nicht immer einer Meinung. Das gehört so, denn wir sind eine demokratische Organisation. Wir verfolgen aber gemeinsam das Ziel, dem Frauen-Thema in der Partei Raum zu geben, um zu verstehen, wo das Problem liegt. Und etwas dagegen zu tun. Kürzlich haben wir eine große Online-Umfrage unter den Parteimitgliedern gestartet, um die Einstellungen zum Thema „Gender“ zu erfassen.

Über all das hätten Sie berichten können. Vor allem hätten Sie mit ein paar Frauen sprechen können – an Auswahl mangelt es nicht. Sie hätten etwas gegen das Problem tun können, dass bei uns aktive Frauen mit den Medien haben. Schon nach der Berlin-Wahl fiel uns auf, dass zwar alle Medien über die nur eine Frau im Abgeordnetenhaus berichteten, aber keine Interview-Anfragen an Frauen zu diesem Thema eingingen. Und es geht noch weiter. Marina Weisband hat darüber kürzlich in ihrem Blog berichtet. Nachdem sie bei der Bundes-Pressekonferenz von den Medien „entdeckt“ wurde, kriegt sie zwar inzwischen zahlreiche Interview-Anfragen. Man spricht mit ihr aber nicht über Politik sondern nur über ihr Aussehen, ihre Kleidung etc. Das ist ein Skandal! Hier brauchen wir Medien, die uns Frauen in der Piratenpartei unterstützen! Wir fühlen uns nicht ernst genommen, wenn immer nur über uns (bzw. unsere „Nicht-Existenz“) und nie mit uns über unser politisches Engagement gesprochen wird! Stattdessen machen sie sich über einen Tweet von Marina Weisband lustig, in dem sie sich über Unterleibsschmerzen beklagt. Um den zu verstehen, empfehle ich Ihnen abermals Marinas Blog. Darin erklärt sie, wie sie versucht, ein richtiger Mensch und gleichzeitig Politiker zu sein. Richtige Frauen haben Unterleibsschmerzen. Ich mag Marina gerade deshalb. Weil sie nicht in dunklen Hosenanzügen herumläuft und Politiker-Floskeln von sich gibt.

Über so vieles in Ihrem Artikel möchte ich mich noch empören. Zum Beispiel die Unterstellung, dass Männern Beleidigung, Belästigung und Gewalt Spaß machen. Mit solchen sexistischen Äußerungen erreichen wir sicher ein besseres Miteinander der Geschlechter! Es ist auch eine Unverschämtheit, wenn Sie intensiven Internetnutzern (anscheinend nur Männer) besonders negative Eigentschaften unterstellen und annehmen, dass die Piratenpartei einen Querschnitt dieser Gruppe darstellt.

Sie werden verstehen, dass die feminstische Arbeit bei den Piraten zuweilen frustrierend ist, wenn einem die Medien und selbst die EMMA in den Rücken fallen. Auf differenzierte Darstellungen in der Presse warten wir also weiter vergeblich. Schade!

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Über mueslikind42

Piratin, Sozialarbeiterin, Müslikind, Radfahrerin, Weltretterin.

27 Antworten zu “Liebe EMMA!

  1. -phil

    Schöner Artikel… Habt ihr das als Leserbrief an die EMMA geschickt? Nicht das es veröffentlich werden würde (leider) – aber wenigstens gelesen.

  2. markius282

    Danke!
    Durch diesen Brief verstehe ich nun auch ein Stück mehr wieso mich dieser Artikel so gestört hat:
    es wurde nur über die Männer gesprochen und nicht über die Frauen in der Partei.

    Ich bin gespannt auf die nächste Mumblelei.

  3. Sehr guter Artikel. Danke.

  4. Vor Allem freut mich, dass die Debatte mal ein bisschen sachlicher geführt wird. Puh.

  5. Laberlohe

    Schöner Kommentar zum unsäglichen EMMA-Artikel…

    Jedoch bezweifele ich, ob dieser dort jemals Beachtung finden wird. Denn ebenso wie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die jeweilige Unterrepräsentanz eines davon in der willkürlich gewählten Gruppe eine Tatsache darstellt, ist es (zumindest für mich) auch eine Tatsache, dass es keine unabhängige Presse gibt. Jede Medienpublikation richtet sich an ein Zielpublikum und sich versucht dort durch das Bedienen vorherschender Vorurteile noch weiter zu verankern.

    Gerade wenn ich an die EMMA denke, frage ich mich wer das Zielpublikum dort ist. Jeder Mensch oder doch nur eine bestimmte politische Gruppe? Wer kennt nicht mehr die Aufrufe zur BH-Verbrennung? Wer folgte jenen Aufrufen mehrheitlich? Leider habe ich hier keine exakte Auswertung oder gar Analyse, doch aus meinem Umfeld waren dies Frauen, die sich heute politisch bei den Grünen beteiligen. In meinen Augen ist dies nur natürlich, da sich die Grünen als heterogene Gruppe von Friedensaktivisten, Atomkraftgegnern und feministischen Bestrebungen gründeten.

    Über das gestörte Verhältnis des gemeinen Grünen oder deren Wählern zu den neuen politischen Gegner “Piratenpartei” muss ich mMn nicht viel sagen. Viele betrachten Piraten als Abtrünnige, als Fleisch von deren Fleisch… Ein Problem, das übrigens die Grünen in deren Anfangsjahren selbst hatten – bloß mit dem Unterschied, dass es hier die SPD war.

    Sieht man den betreffenden Artikel über die “testosterondurchsetzte Frauenfeindpartei” der Piraten in diesem Kontext, liebe ich den EMMA-Artikel sogar! Denn er zeigt, dass wir als Piraten nicht nur als eine mögliche Konkurrenz zu den bereits etablierten Grünen gesehen werden, sondern als ernst zu nehmender Gegner. Nachdem die Grünen als Friedensaktivisten den ersten Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung bewilligten, das ehemalige Idol der Grünen und erster Turnschuhminister heute als Lobbyist FÜR eine Pipeline zum Transport von fossilen Brennstoffen tätig ist, der Ausstieg aus der Atomkraft (mal wieder) beschlossen ist… Was bleibt bei den Grünen, da noch an politischen Aufgaben aus der Gründungsphase? Deshalb sehe ich den betreffenden Artikel als Versuch an, über das Diffamieren des politischen Gegners das eigene Versagen in den letzen Jahrzehnten zu kaschieren und wenigstens etwas Existenzgrund zu schaffen.

  6. Vollkommen unabhängig von den Piraten und/oder den politischen Zielen selbiger bin ich dankbar für diese kritischen Worte.

    Ein faires und offenes Miteinander erreichen wir nur, durch eine offenere mediale Berichterstattung. Die gesellschaftliche Spaltung (egal in welchem Bereich, denn es gibt sie auch in vielen anderen Themenbereichen neben der Genderthematik) ist zu einem nicht unerheblichen Teil der medialen Darstellung geschuldet.

    Aber auch wir selbst, die Gesellschaft, tragen einen Teil der Schuld. Warum? Weil zu wenige Menschen die Dinge hinterfragen, sich mit ihnen auseinandersetzen. Das hier aufgeführte Beispiel ist nur ein kleines Beispiel eines mAn nicht zu unterschätzenden Problems.

    Ich wünsche mir, dass sich viel mehr Menschen Gedanken darüber machen was, aber vor allem wie Medien berichten und sich mit diesen Themen auseinandersetzen.

    In diesem Sinne: ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest!

  7. nala

    Gute Replik! :)

    Das kann man bei der Emma ins Forum setzen – hat das schon jemand versucht? Ich habe es dort bislang nicht gefunden – und würde Emma es löschen, dann wäre das einer anderen Zeitung sicherlich einen Artikel wert….

  8. peterISTboese

    wahrscheinlich brauchen die bei der emma publissity. wenn diese annahme stimmt, würde ich erstmal einen shitstorm in den emma foren gefolgt von ddos behandlung der page vorschlagen. wenn das in der bildzeitung kolportiert wird, sollten sich mehrere dutzend frauen mit entsprechender plakatierung vor der redaktion einfinden und den belagerungszustand ausrufen, bis frau “emma” mit ihrer scheffin sich öffentlich glaubhaft und nachdrücklich entschuldigt und besserung gelobt…. . aber ich weiss ja das das nur drastische träume meinerseits sein können, weshalb ich mich mit diesem schönen text zufrieden gebe.

  9. Der Satz gibt keinen Sinn – dabei ist es DER WICHTIGSTE …. ” Sie hätten etwas gegen das Problem tun können, dass bei uns aktive Frauen mit den Medien haben. ”

    Ähnlich wie Miriam MüsliKind im letzten “feminitisch” geschrieben hatte.

    Naja – fröhlich-fruchtbar feministische FriedensFamilien-FreundschaftsGrüße, Solly

    • hey, super gerne das löschen – “Sie hätten etwas gegen das Problem tun können, DAS bei uns aktive Frauen mit dem Medien haben” ….war zu 70% wohl das gedacht.

      Aber hier sieht man volllll genial, daß ne Beschreibung von etwas (mit “das”) auch einen Willen/Intention/ Impetus enthalten kann…

      weil auch mitgedacht wurde “daß bei uns aktive Frauen …..in den Medien was zu sagen haben/…..” oder so ähnlich.

      Joah – wie gelingt echte FeminismA.de ? Sicher irgendwie neu und anders – und ohne S.exismus… also doch “Feminitisch”? yeah – ohne SekundärSklaverei, wo der Raum einfach dem herrscher gehört…. und auch der innen Raum der Frau dem mann… sodaß es gar kein http://www.mitheit.de/GMB.htm mehr gibt.

      Wundervolle Woche wirklicher WahrnehmungsWärme, um in 2012 ohne SekundärSklaverei-Sexismus, dafür aber mit SinnSeelen-Sonne Frauen volle Würde zu zeigen, zu geben, zu erkämpfen und ermöglichen!

  10. Bravo!!! Sehr schön auf den Punkt gebracht.

  11. Respekt. Die Contenance dieses Beitrags ist großartig.

  12. Hmm… Noch kein Kommentar der EMMA.

  13. silvia

    Ich werd mir dann doch mal besser einen persönlichen Eindruck verschaffen!

  14. Ricci

    Ich bin mal gespannt welche Antwort wir von den Redankteuren der Emma zu erwarten haben, aber ich befürchte schon jetzt das die von ihren Standpunkten kaum abweichen werden. Männern Frauenhass vorwerfen aber selber “schwarz/weiss” denken auf höchstem Niveau an den Tag legen!

  15. Kai Baumann

    Danke für diese sachliche und unaufgeregte Antwort auf.
    Ich weis, das Leben ist nicht fair. Trotzdem sollten wir nicht aufhören diese Fairness einzufordern. Im Täglichen miteinander, aber auch von den Medien.

  16. Euch allen “Frohe Weihnachten” von:

    **Antizensur – Für Meinungsfreiheit**

    http://antizensur.wordpress.com/2011/12/24/frohe-weihnachten/

  17. Warum gibt es so wenig Frauen bei den “Piraten”?

    Weil die Piraten eine MINT-Nerdzone sind (glücklicherweise). Es gibt wenig Frauen in MINT.

    Warum gibt es in Deutschland so wenig Frauen in MINT?

    Weil das als “unweiblich” gilt. Und dieses Frauenbild hat die EMMA selbst aktiv mit befördert. Feminismus in Deutschland versuchte, sein Ziel mit “Geschäftsstellen Gleichberechtigung” zu erreichen – hat ja in den letzten 40 Jahren PRIMA geklappt! Hat da jemand Angst um ihren Geschäftsführerposten?

    Es wäre schön, wenn neue Ansätze in der Geschlechterdebatte dazu führen, daß alte Zöpfe abgeschnitten werden – und die unterproportionale Frauenquote in MINT (und die noch viel unterproportionalere Frauenquote aus den alten Bundesländern) sich zumindest auf internationalen Standard normalisierte. Aber wie gesagt – ein “EMMA”-Feminismus mit Gleichstellungsgeschäftsstellengeschäftsführerinnen hat darin eher weniger Platz, wenn sie zu konstruktiven Ergebnissen kommen soll.

    • Ich bin der Auffassung, dass den Piraten ne Quote guttun würde.

      • Hallo Jenny,

        wir brauchen keine Quote!
        Beispiele (die beliebig ergänzt werden könnten) aus der Piratenpartei:
        Im Bundesvorstand sitzen 5 Männer und 2 Frauen.
        In NRW hatten wir 1 Jahr lang eine Vorsitzende.
        Im Saarland wurde die Landesvorsitzende im Herbst 2011 wiedergewählt.
        Alle diese Frauen sind ohne Quote in ihre Ämter gekommen.
        Gruß
        Woogpirat

  18. Nicht fluchen --- Besuchen

    Wenn die in Köln(?) sitzen, kann man die nicht mit foursquare oder Check-In-Systemen versehen ?
    Piratinnen verabreden sich und verlangen zur Redaktion vorgelassen zu werden oder melden sich nur bei der Eingangs-Kontrolle und Checken sich irgendwo öffentlich sichtbar und nachvollziehbar ein. Die Eingangskontrolle kriegt einen Zettel denn auch dumme un-emanzipierte Männer (und Frauen) korrekt ausgefüllt bekämen und trägt Datum und Uhrzeit ein “7 Piratinnen 24. Dez 19:53 gegen:für:neutral:nicht-gelesen:WiederholBesucher den Emma-Piraten-Artikel: 4:0:0:2:1″. Dasselbe dann natürlich parallel irgendwie im Web z.b. per Check-In-Systemen welche 1-2 mal pro Tag bei Twitter als Zwischenstand gemeldet werden – falls mehr als 5 neue Besucher seit der letzten Meldung dort einfanden. Wenn die nicht an einen glauben, kann man die doch freundlich besuchen.

    Daraus würden Inkubatoren eine Meet-and-Do(or Greet)-Gigalocal-Konkurrenz mit Milliarden-Börsen-Bewertung aufbauen. Schnee Räumen, Emma besuchen, Abgebrochene Äste vom Fahrradweg machen bzw. bei Bäumen das Grünflächenamt informieren usw. Da man hier für Webseiten zu viele Juristen bezahlen muss, verzichte ich darauf.

    Wenn man richtig gut ist, sammelt man mehr Piratinnen als Emmas zur gleichen Zeit vor der Redaktion. Express-Köln berichtet gerne und macht Fotos. Für solche und andere Aktionen sollten Orange T-Shirts oder Banderolen zum Leihen und natürlich ein Waschsystem etabliert sein.

  19. Dogmatisch kommt Schwarzer eben aus einer anderen Ecke. Sie benötigt das Ausschließen der Frauen durch Männer für ihre Theorie. Es ist ein klassisches Element des Gleichheitsfeminismus nach Beauvoir: Wenn alle Menschen gleich sind, unabhängig vom Geschlecht, dann ist ein Weg, Ungleichheiten zu begründen die Unterdrückung, die im “Altfeminismus” eben durch “das Patriarchat” erfolgt, das wieder den Interessen der Männer dient.
    Im Feminismus nach Butler (Poststrukturalismus und Dekonstruktion) ist es nicht mehr “das Patriarchat” (Butler spricht sich ja in einem Buch direkt gegen die Verwendung dieses Begriffs aus), sondern die Macht der Geschlechternormen. Der Unterschied ist eine Verschiebung im “Feindbild”, nunmehr können Männer und Frauen Geschlechternormen bekämpfen und unterstützen, was andere Betrachtungen zuläßt, die weniger auf einer Unterdrückung durch “den Mann” beruhen, sondern diesen durch noch abstraktere Konzepte ersetzen.

    Meiner Meinung nach verkennen beide Ansichten, dass Männer und Frauen eben nicht gleich sind. Beide Geschlechter haben im Schnitt anders ausgeprägte Fähigkeiten und Vorlieben, die sich auch bei bestimmten Vorlieben für Tätigkeiten ausüben. Natürlich nur im Schnitt, aber das führt eben zu anderen Verteilungen

  20. http://dl.dropbox.com/u/5235880/76151143-Zeitschrift-EMMA.pdf

    Die Autorin schreibt auf der vorletzten Seite, dass in den “kühnen” post-gender anmutenden Theorien die rückschrittliche Realität vergessen werden würde. Dass man den Traum der Gleichstellung der Geschlechter nicht durch die Leugnung der Geschlechterrealität erreicht oder so ähnlich. Und das ist IMO richtig. Es wird polemisiert, aber es steht auch viel Wahres drin, da hilft alles Aufregen nüscht.

    • Ach so, Julian Phinn hats auch schön beschrieben bei zeitspuk

      Hiermit möchte ich mich in ein Minenfeld werfen, das von der Piratenpartei kommend derzeit für Unruhe sorgt: Die Debatte um Gender und Postgender, um Frauen in Nerdkreisen und deren Gleich- oder Ebendochnichtgleichbehandlung.

      Ich habe mich lange heraus gehalten. Ich durfte die Debatte in meinem Leben mehrfach führen und war ihrer überdrüssig. Ob in meiner Zeit bei den Jusos von 1996-2000, ob in meiner Zeit bei Attac (Hauptsächlich 2002-2006), ob heute: Es hat sich nicht viel neues getan und man fühlt sich bisweilen nicht anders, als erkläre man etwa immer wieder die gleichen Prinzipien von Datenschutz. Am Wochenende zog es mich dann eben doch in eine solche Debatte, und ich erklärte halbwegs leidenschaftlich meinen Standpunkt der Dinge, versuchte auf fast jedes Argument eine Antwort zu finden. Im Folgenden möchte ich mich an jenes Gespräch anlehnen und den Versuch einer Argumentation wagen.
      Befeuert wird all dies durch meine derzeitige Lektüre von “Outliers”, einem Buch von Malcolm Gladwell. Auf 365 Seiten geht er der Frage nach, was die wahren Bedingungen eines Menschen sind, Erfolg zu haben. Nur selten, schließt er unter Anderem, geht es dabei rein um Talent. Viel Mehr darum, wann ein Mensch geboren ist oder welchen soziokulturellen Hintergrund hat. In einem Kapitel erwähnt er, wie der Erfolg von Kinder mit dem gleichen IQ völlig davon abhängt, wie viel Zeit und Geld die Eltern zur Verfügung haben. Er zitiert eine Studie, die das nicht, wie man vermuten würde, auf die Frage zurück führt, ob ein Kind auf eine Privatschule gehen oder studieren konnte. Sondern er gibt ein Beispiel von Arztbesuchen, bei denen reichere Kinder stets ermutigt wurden, Fragen zu stellen und nicht nur den Arzt reden zu lassen. Ärmere hingegen werden zu mehr Unterwürfigkeit erzogen, stellen keine Fragen sondern drehen scheu den Kopf weg. Er schließt mit einem Beispiel von Christopher Langan, der einen IQ zwischen 195 und 210 besitzt und dennoch keinen Universitätsabschluss vorweisen kann. Im Gegensatz etwa zu Robert Oppenheimer, der aus einer reichen Familie kam, konnte er sich bei Schwierigkeiten mit Professoren nicht durchsetzen und wurde von der Universität verwiesen. (Trotz minderer Vergehen, Oppenheimer hatte sogar versucht, einen Tutor zu vergiften, Langan hatte lediglich versäumt, einen Einkommensnachweis seiner Mutter zu liefern.) Langan hatte, so das Fazit nach etwa 30 Seiten, dank seiner sozialen Umstände versäumt, sich jene “praktische Intelligenz” anzueignen.

      Auch wenn Gladwell nur sehr wenige konkrete Beispiele von Frauen liefert, liegt das Muster auf der Hand: Mädchen werden eher dazu erzogen, nachzugeben. Ihnen werden zum Spielen Puppen statt Plastikautos vorgesetzt, sie lernen eher Geige als Trompete. Statt einem Kontaktsport wie Fußball schickt man sie lieber zur Sportgymnastik, wo sie vor allem hübsch aussehen, statt den Gegner umzugrätschen. Das müssen zudem nicht nur jene offensichtlichen Dinge sein. Es reicht, dass eine Mutter ihre zweijährige Tochter nur zehn, statt beim Sohn fünfzehn Meter weit alleine laufen lässt. Wie die sogenannten Baby X-Versuche zeigten, wird der Charakter desselben Säuglings ganz anders beurteilt (und das Kind entsprechend anders behandelt) wenn man den Versuchspersonen erzählt, es handle sich um ein Mädchen oder um einen Jungen. Ohne Absicht. All das führt natürlich auch dazu, dass Frauen zum Beispiel eher dazu neigen, in einer Diskussion dem Anderen den Vortritt zu lassen.

      Das wiederum ist keine einseitige Sache: Männer, in ihren Domänen mit ihren Spielsachen und Verhaltensweisen erzogen, neigen dazu, Frauen weniger ernst zu nehmen. Auch hier: Statistisch gesehen, natürlich. Aber um ein extremes Beispiel zu geben und das zu verdeutlichen: Bei Afro-Amerikanern konnte man statistisch nachweisen, dass diese einen dunklen Gegenstand in der Hand eines Dunkelhäutigen eher als Waffe, denn als Kamera wahrnehmen, denn als wenn sie es bei einem Hellhäutigen Gegenüber tun würden. Da hilft auch kein “Rassismus”-Geschreie, bei Frauen verhält sich das Muster ähnlich, wenn nicht so drastisch. In Nerd-Kreisen heißt das nicht nur, dass Meinungen weniger stark wahrgenommen werden, sondern auch, dass eine Hackerin weit mehr vorweisen muss, um als solche wahrgenommen zu werden. Wie oft löst ein einfaches “Den Kernel habe ich selbst gepatcht” einer Frau Staunen aus, wo bei einem Mann kaum der Kopf vom Notebook gehoben würde. Und das liegt nicht nur am Seltenheitswert sondern eben auch an der kulturellen Prägung. Das wiederum führt auch dazu, dass eine Frau, die gerade ihre ersten Ruby-Skripte fertig gestellt hat, lieber zuhause weiter übt, anstatt sich in den nächsten Hackerspace zu begeben und den Austausch zu suchen.

      Alle Frauen?

      Natürlich nicht. Sonst hätten die Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts nicht das Wahlrecht erstritten, sonst wären Feministinnen in fast all den Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts nicht immer wieder auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte zu streiten. Es gäbe keine Frauen in politischen Ämtern, ja womöglich noch nicht einmal Akademischen Positionen. Männer dürften ihrer Frau immer noch verbieten, zur Arbeit zu gehen und das Gesetz würde immer noch mehr Macht über den Körper einer Frau haben als diese selbst. Natürlich spreche ich hier je nachdem von Deutschland oder zumindest den westlichen Industriestaaten, das Thema Frauenrechte weltweit sprengt den Rahmen dieser Debatte.

      Dass Frauen nun ihre Meinung sagen dürfen und meist auch können, ohne davor Angst haben zu müssen, ist aber eben nicht das Ende der Fahnenstange. Es genügt nicht, wenn es da die ein oder andere gibt, auch wenn sie möglicherweise eine Vorbildfunktion hat. Frauen stellen die Mehrheit der Menschen unter dieser Sonne. Und da hilft es auch nicht, zu sagen man ignoriere das Geschlecht, denn die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit tut es nicht. Im übrigen würde niemand einer Partei aus überwiegend Migranten unterstellen, nur ihre Partikularinteressen zu vertreten. Oder einer überwiegend Katholischen Partei. Bei einer Frauenpartei sieht das anders aus. Post-Etwas (und dazu gehört Post-Gender) bedeutet eben auch, Zustände zunächst überwunden zu haben. Und auch dann braucht es Zeit. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit gerade einmal 13 Jahren strafbar, Ehegattensplitting existiert immer noch und führt dazu, dass eine Familie mehr Geld haben kann, wenn Mutti zuhause bleibt. Man kann sich auch nicht Post-Rassistisch nennen, nur weil man in der Lage ist, Hautfarben zu ignorieren und so tun, als hätten Ausländer in diesem Land die gleichen Chancen. Und während es bei der Hautfarbe, Herkunft oder auch der sexuellen Identität um Minderheiten geht, geht es bei der Geschlechterfrage um die Hälfte aller Menschen!

      Fälle, von Frauen, welche die Situation ausnutzen, gibt es natürlich ebenfalls. Solche, die sich mit einem lieben Lächeln (oder mehr) die Neuinstallation ihres Laptops erkaufen genauso wie solche, die “Sexismus” rufen, sobald ihr Hilfegesuch bei einer Lapalie abgelehnt wird. Aber jenes Problem lässt sich nicht durch verschweigen lösen. Bestünde tatsächlich einmal der Hackerspace zur Hälfte aus Frauen, wäre das hingegen ganz einfach. Falls überhaupt noch etwas gesagt werden müsste, könnte man den Sexismusvorwurf nur allzu leicht mit all den anwesenden weiblichen Mitgliedern entkräften.

      Es hilft auch nicht zu sagen “Also ich sehe das anders, und wenn eine Frau ein gutes Argument hat, lasse ich sie auch ausreden.” Es geht um Statistik. Und da verdienen Frauen bei gleicher Qualifikation immer noch 12% weniger als Männer (Quelle: Statistisches Bundesamt). Da neigen Frauen eher dazu, beim einzigen verbleibenden Platz auf einer Rednerliste einem anderen den Vortritt zu lassen, da sind Frauen schüchterner und überlegter und sagen eben doch nicht so oft ihre Meinung.

      “Aber ich möchte nicht nur als Quotenfrau gelten!”

      Oft hört man den Einwand einer Frau, man wolle für die Qualität seiner Arbeit, seiner Argumente und Meinungen respektiert werden. Deshalb lehne man es ab, nur aufgrund von Quote reden zu dürfen oder gewählt zu werden. Das aber legt den Umkehrschluss nahe, dass es gar nicht genügend Frauen gäbe, die über eine derartige Qualifikation verfügen. Nähme man an, dass dem so sei, dann wäre es doch aller erste Aufgabe, Frauen zu fördern, dass sie sich diese Fähigkeiten aneignen! Und dazu gehört eben nicht nur, dass man ihnen die richtige Lektüre in die Hand drückt, oder ihnen ein Studium ermöglicht. Dazu gehört doch genau jene gleichberechtigte Erfahrung in Debatten, in Gremien und Positionen! Natürlich gibt es auch bei “Quotenfrauen” gute und schlechte. Jene, die eben doch die schlechtere Wahl im Vergleich zum männlichen Kandidaten sind. Aber das Problem gibt es auch, wenn ein Mann sich Kraft seiner Stimme nach vorne kämpft und die Ellenbogen auspackt.

      Rosa Parks, die sich im Dezember 1955 weigerte, einem weißen Fahrgast den Busplatz zu räumen, war mit Sicherheit eine mutige Frau. Sie blieb aber nicht nur aus Eigennutz sitzen, sondern weil sie ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen wollte. (Was man ihr zuerst nicht glaubte, man warf ihr vor, nur zu Faul zum Aufstehen gewesen zu sein). Martin Luther King wäre auch in der Lage gewesen, sein Leben als eloquenter Mann zu führen, womöglich gar erfolgreich zu werden. Aber er erkannte, dass das eben den wenigsten Schwarzen in den USA vergönnt war. Er stand auf und kämpfte für all jene, die keine Stimme hatten. Die eingeschüchtert waren und zunächst nicht bereit, für ihre Rechte einzutreten. So sollte es auch die Aufgabe jener starken Frauen (und auch der starken Männer) sein, die sich trotz aller kleinen und großen Widrigkeiten einmischen. Sie sollten nicht für sich selbst stehen und sagen “Ich kann das doch auch”, sie sollten einen Mißstand erkennen und daran arbeiten, ihn zu beheben. Auf allen Ebenen. Emmeline Pankhurst hatte bei Weitem nicht die Mehrheit aller Frauen hinter sich, als sie mit den Suffragetten anschickte, das Wahlrecht zu ändern. Denn wie Marie von Ebner-Eschenbach so treffend formulierte: “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.”

      Dieser Text steht unter dieser Creative Commons Lizenz

      • Fakt: Es gibt viele Merkmale, nach denen Menschen “aussortiert” sind oder die dazu führen, daß Menschen ihr Leben nicht selbstverantwortlich verwirklichen können.

        Fakt: Geschlecht (oder “Frau”) ist eines davon.

        Fakt: Seit den 70ern versucht man mit einem “Feminismus deutscher Prägung” die Benachteiligung von Frauen auszugleichen.

        Fakt: Es heute in einigen Bereichen sogar schlimmer als vorher (Armutsrisiko von Alleinerziehenden, schlechte Rahmenbedingungen von Karriere und Kindern).
        Fakt: In Frankreich, der DDR und vielen anderen Ländern läuft es besser – ohne “-innen”. F und DDR hatten weibliche Formen komplett abgeschafft und das generischen Maskulinum überall eingeführt. Viele der Probleme, die deutsche Frauen haben, haben/hatten Frauen in Frankreich und der DDR nicht.

        Zwischenfazit: Sprachregelungen nutzen nicht der Gleichstellung. Behauptung: Sie schaden sogar. “Programmierer” bezeichnet als generisches Maskulinum beide Geschlechter und lenkt den Fokus auf die Tätigkeit (Programmieren) als “Schlüsseleigenschaft”. “ProgrammiererInnen” (m.E. geht das sogar noch), und vor allem “Programmierer und Programmiererinnen” lenkt den Fokus zumindest auch auf das Geschlecht. Dadurch wird die “weibliche/männliche Rolle” immer ein Teil der Beschreibung.

        Fakt: Es gibt noch andere, wichtigere Eigenschaften, die zu “Diskriminierung”, Auswahl nach nicht-relevanten Kriterien, führen. “Migrationshintergrund” (fremdes Aussehen oder Namen). “Krankheiten” (laPrintemps und Müslikind nennen z.B. explizit ADS und Asperger, aber auch viele andere Vorerkrankungen/Behinderungen gelten). Jemand, der wegen Depression oder anderer NuP-Zustände behandelt wurde, wird z.B. nicht zum Beamten ernannt.

        Fakt: Selbst eine “echte” Gendering-Diskussion (die verdammt nochmal nicht nur Quoten und Sprachregelungen beinhaltet) betont das Geschlecht über; und sucht die Ursache für Probleme auch immer im Geschlecht und läßt andere Merkmale außen vor.

        Fazit: Eine ergebnisoffene Diskussion, welche Merkmale in welchen Fällen zur Diskriminierung führen, ist richtig und wichtig. “Weiblich” ist auch in vielen Situationen ein Kriterium; ebenso “männlich” in anderen Situationen. Aber es gibt andere, gleichberechtigte Kriterien, die man ebenso beachten muß – und man tut gut daran, “Geschlecht” als angeblich ursächliches Merkmal kritisch zu hinterfragen, weil deutscher Feminismus einen regelrechten Weiblichkeits-Fetisch entwickelt hat. Pardon, laPrintemps – “Feminismus” ist in Deutschland leider untrennbar mit Schwarzer et al. verbunden. Daher ist Dein Neologismus “Equalismus” mehr als nur eine “Sprach-Hintertür” – Du hast die “Chemie” von der “Alchimie” befreit und unter “Equalismus” der Gleichstellungsbewegung die Chance gegeben, ohne Altlasten weiterzumachen.

        Quoten nutzen nur etwas, wenn sie auch objektiv nötig sind. In den “Piraten” muß eine Frau begründen, warum sie für kein Amt zur Verfügung steht (Mela) oder es wird begründet, warum das Plenum sie nicht für ein Amt für tauglich hält (Leena Simon). Ansonsten schaffen es (die meisten) Frauen auf Anhieb, in Mandate gewählt zu werden. Herbert Rusche beschreibt gut, warum die “Quoten” auch bei der GRÜ nichts gebracht haben. Wenn keine Frauen zur Verfügung stehen, könnte man ein Amt entweder nicht besetzen (was die “besetzten” Ämter überarbeiten würde, weil sie dann deren Arbeit mit übernehmen müßten – das ist gegenüber Vorstandsmitgliedern (m/w) nicht fair. Oder man nominiert “Strohkandidaten”, z.B. Freundinnen von Aktiven – das ist ein Potemkin’sches Dorf, es stehen zwar weibliche Namen auf der Liste, aber eine “schanghaite” Frau wird auch nicht die effizienteste Arbeiterin sein – gleiches Problem wie oben. (Meine Hündin Jenny würde übrigens für eine “Strohkandidatur” zur Verfügung stehen…)

        Damit sind Quoten in der Piratenpartei gar nicht umsetzbar. – Oder sollen Piraten vor jeder Wahl mit Lassos in die Fußgängerzone gehen, um Frauen einzufangen?

  21. Pingback: Eine unerwartete Reise: Mein Weg zu den Piraten « The Dead Cat Bounce

  22. Vlt. mag sich ja noch eine/r außer mir im Emma-Forum anmelden? Jedenfalls steht der Link hierher jetzt im Forum, ist reißerisch kommentiert worden – und Emma zeigt jetzt Interesse an einem Interview…

    http://forum.emma.de/showthread.php?7288-Frauen-im-Boot-bringen-Unglck

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