wegen der ‚Eichhörnchen‘

Diese Nachricht erreichte mich. Die Piraten sind vielleicht nicht post-gender, aber sie wollen es sein. Und das findet folgend jemand wirklich toll 🙂 Mit Erlaubnis veröffentliche ich diese Mail nun.

Hallo,

dies wird eine etwas längere mail, entschuldige bitte.

Ich kann mich nicht erinnern, mich je über ein politisches Ereignis in Deutschland so sehr gefreut zu haben wie über den Erfolg der Piraten letzten Sonntag. Am liebsten wäre ich selbst Pirat, aber da gibt es ein kleines Problem, das ich noch zur Sprache bringen werde.

Neben vielen anderen Aspekten freut mich an den Piraten besonders, dass sie eine post-gender-Partei sind. Ich kenne meinen Foucault, wie Du ja auch, und spare mir daher inhaltliche Erörterungen – wer weiß, vielleicht kommt es ja dazu, dass wir uns einmal über diese Dinge unterhalten. Die ‚Transsexuellen Eichhörnchen‘ finde ich derart genial, dass ich damit sogar eine Freundin in Australien zutexte. Jetzt komme ich allmählich zum Punkt.

Mein kleines Problem ist nämlich, dass ich mtf-transsexuell bin. Ich lebe ‚in the closet‘, und zwar schon lange, weil ich mich unter dem deutschen TSG selbst für geisteskrank erklären und mich einem barbarischen Gutachter-Verfahren ausliefern müsste, um physisch und sozial zu sein, was ich bin. Du weißt wahrscheinlich, dass das TSG mehrmals für verfassungswidrig erklärt wurde und eine Menschenrechtsverletzung darstellt. In der Praxis ändert das bisher absolut nichts, und ich bin überzeugt, dass es in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte so bliebe – wenn es die Piraten nicht gäbe. Da ich Kontakte zu Piraten habe, werde ich hin und wieder über diese ein paar Ideen einwerfen, vielleicht auch zu anderen Themen, denn es gibt ein paar Gebiete, von denen ich einige Ahnung habe.

Ich könnte die Piraten natürlich in Sachen post-gender beim Wort nehmen und einfach beitreten. Aber das ist mir zu gefährlich, unsereins ist einfach zu verwundbar. Die Schwäche, in Auseinandersetzungen mit cisgender-Menschen trans zu sein, ist durch nichts zu kompensieren, und selbstverständlich kann durch ‚versehentliche Indiskretion‘ und derlei ziemlich großer Schaden entstehen. Es ist natürlich einer der Haupterfolge des TSG, trans-Menschen durch Pathologisierung sozial und politisch zu lähmen.

Was ich gern wüßte: Sind bei den ‚Eichhörnchen‘ eigentlich ‚echte‘ Transfrauen und Transgender? Falls nicht, tut das der Initiative in meinen Augen keinerlei Abbruch, im Gegenteil, es ist nun mal selbst in Deutschland ziemlich schwierig, Normale zu pathologisieren. Ein Gruppe, die einfach ’nur so tut‘, kann die Heteronormativität schön herausfordern, ohne die Mitwirkenden zu gefährden. Politisch wäre das sehr klug. Trotzdem: ich wüßte gern, wie es hinsichtlich ‚echter‘ Transfrauen und Transgendern bei den ‚Eichhörnchen‘ aussieht. Gibt es welche, wüßte ich gern, wie sie in der Gesamt-Partei aufgenommen werden, und mit welcher Unterstützung sie rechnen können.

Wenn ich Pirat wäre, würde ich versuchen, eine Arbeitsgruppe zum Thema Pathologisierung zu initiieren, und zwar nicht nur in diesem Bereich. Zum Beispiel sind stereotype Anwürfe gegen Computerspieler und Nerds im Ansatz ganz klar Pathologisierungen, und der Dreiklang: Feststellung von Normverstoß – Pathologisierung – Charakterisierung als Gefahr ist definitiv in Gang gesetzt. Das sollte die Piraten eigentlich interessieren, desgleichen eine Untersuchung zum Thema Alltags-Pathologisierung (‚Du brauchst Hilfe‘) als Element von Machtverhältnissen und Normalisierungsprozeduren. Außerdem wären solche Ansätze wie Pathologisierung von Menschengruppen im Rahmen von neuen Rassismen (Sarrazin) sicher nicht uninteressant. Fühle Dich bitte herzlich eingeladen, die Idee weiterzureichen, wenn sie Dir gefällt, durchführen sollten das auf jeden Fall Nicht-Pathologisierte.

Was ich mir von den Berliner Piraten herzlich wünsche, ist eine Untersuchung der Berliner TSG-Praxis. Das TSG ist ein Bundesgesetz, aber umgesetzt wird es natürlich auf untergeordneten Ebenen. Zum Beispiel sind folgende Fragen sehr interessant: Nach welchen Kriterien werden die Gutachter eingesetzt? Sind es etwa immer die selben? Wie ist die Abschussquote von Berliner Gutachtern und den zuständigen Gerichten, d.h. negative Befunde, Psychatrisierungen, Suizid? Immerhin bezahlt das alles der Steuerzahler, man könnte also zum Beispiel vorrechnen, wie viele Kosten entfielen, wenn das TSG ersatzlos gestrichen würde. Außerdem könnte es ja sein, dass es einigen Steuerzahlern nicht gefällt, was sie da finanzieren, nämlich eine fortgesetzte Menschenrechtsverletzung.

Eine Geschichte, die mir erzählt wurde und die sich in Berlin zugetragen haben soll: Eine Transfrau hatte ihren Spießrutenlauf (‚Praxistext‘ oder ‚Alltagstext‘) fast überstanden, als sie den Fehler machte, vor dem Gutachter in Turnschuhen zu erscheinen. Dieser sprach ihr daraufhin ihre Transsexualität ab, weil niemand mit einem echten weiblichen Selbstbild jemals Turnschuhe tragen würde. Es wurde ihr mitgeteilt, sie könne nach mindestens einem Jahr den ‚Alltagstest‘ neu antreten. In der Version, die ich gehört habe, nahm sie sich das Leben. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist oder nur charakteristisch.

Ich denke, Know-How könnte man sich gut bei Transgender Europe (TGEU) abholen, TransInterQueer sitzen in Berlin und sind anscheinend ziemlich gut vernetzt. Es würde mich sehr wundern, wenn ein solches Vorhaben seitens der Berliner Piraten dort nicht rege Unterstützung finden würde. Es ist also absolut nicht nötig, zum Thema TSG-Praxis das Rad neu zu erfinden.

Möglicherweise könnte eine Piraten-Aktion im Rahmen einer Menschenrechtsproblematik einige bereits gegen die Piraten aufgebaute Vorurteile erschüttern, zudem wäre es eins aufs Auge für die verantwortlichen Parteien sowie diejenigen, die sich wenig oder gar nicht um das Thema kümmern. Den GRÜNEN wird es zum Beispiel gar nicht gefallen, wenn man ihre Dauerattacken auf die Piraten in Sachen Gender kontert, indem man sich eines ziemlich explosiven Gender-Themas annimmt, bei dem die GRÜNEN nicht viel vorzuweisen haben.

Ich selbst kann, wie gesagt, nichts tun außer Vorschläge äußern. Ich bin bei keiner der genannten Organisationen aktiv, kenne dort niemanden und meine es, wie man so sagt, nur gut.. Bevor Du eventuell nachfragst: Ich lebe in Berlin, bin alt (Mitte 40), häßlich und arm. Ich glaube also nicht, dass ich eine Bereicherung für die Eichhörnchen sein könnte, selbst wenn ich mich zu den Treffen trauen würde, was nicht der Fall ist.

Ich würde mich aber freuen, wenn Du mir antworten würdest.

Dir und den Piraten alles Gute

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4 Antworten zu “wegen der ‚Eichhörnchen‘

  1. Torsten

    Oh mann!
    Liebe Schreibende, dir alles Gute, viel Kraft und gute und offene Freunde! Danke dass du die Genehmigung zum Veröffentlichen dieser Email gegeben hast; ich vermute und hoffe du wirst diese Kommentare lesen.

    Ich hoffe und möchte mitwirken, dass die Kategorie „Geschlecht“ den Staat nichts mehr angeht. Geschichten wie deine unterfüttern dieses Gefühl mit der nötigen Wut im Bauch.

    Viele Grüße,
    To

  2. Gilli

    Was bedeutet „Eichhörnchen“? Wird ja nicht als das possierliche Tierchen verwendet, oder?

    Was ist „mtf“ und was bedeutet „in the closet“ in diesem Zusammenhang?

    Was ist „TSG“?

    Es wäre gut, wenn solche Abkürzungen und Spezialbegriffe erklärt werden, wenn sie das erste Mal auftreten.

  3. Pingback: Froschs Blog » Blog Archive » Im Netz aufgefischt #27

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