Positionspapier: Equalismus – Positionen zur Geschlechtergerechtigkeit

Zum Bundesparteitag der Piratenpartei gibt es ein Positionspapier. Federführnd waren erklärte Kegelklubmitglieder. Solltet ihr den Antrag unterstützen wollen, so könnt ihr das hier tun: http://wiki.piratenpartei.de/Kegelklub/PositionspapierEqualismus Den Antrag selbst seht ihr hier: http://wiki.piratenpartei.de/Bundesparteitag_2011.2/Antragsportal/Q102

Antragstext:

Die Piratenpartei erkennt Sexismus als ein noch nicht überwundenes Problem unserer Gesellschaft an. Viele Menschen sind durch die an ihr Geschlecht geknüpften Rollenbilder und Erwartungshaltungen in ihrer individuellen Freiheit und ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Dieser Zustand ist für die PIRATEN, zu deren obersten Zielen die freie Entfaltung des Individuums gehört, nicht haltbar.

Noch immer wird Kindern anerzogen, dass ein bestimmes Verhalten für ihr Geschlecht unpassend sei, bestimmte Berufsfelder werden als für das männliche oder weibliche Geschlecht unangemessen deklariert. Beispielsweise erhalten Frauen noch immer in vielen Berufsfeldern weniger Gehalt als Männer und Männer werden oft in Sorgerechtsfragen benachteiligt.

Wir streben eine Gesellschaft an, in der Menschen nicht mehr aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechtes, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer selbstgewählten Identität oder anderer Eigenschaften benachteiligt werden oder Rollenerwartungen ausgesetzt sind. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, dessen Individualität zu respektieren und zu unterstützen ist. Davon unberührt ist die eigene Freiheit, für sich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu definieren. Diesen Idealzustand einer „postgender“ Gesellschaft streben wir an.

Piraten unterstützen Emanzipationsbewegungen

Die Piratenpartei sieht sich in einer emanzipatorischen Tradition. Die Frauenbewegung hat vieles zur Emanzipation der Menschen beigetragen, für das wir dankbar sind. Auch begrüßen wir eine emanzipatorische Bewegung seitens der Männer, die andere Männlichkeitsbilder einfordert. Wir wollen diese Emanzipationsbestrebungen fortführen und weiterdenken, uns aber nicht von außen vorschreiben lassen, welche Ziele wir übernehmen und welche Instrumente wir bei diesem Prozess verwenden.

Zu den wichtigsten Zielen, die wir unterstützen und für deren Verwirklichung wir uns einsetzen wollen, zählen die Dekonstruktion des sozialen Geschlechtes, die Gleichstellung und echte Chancengleichheit der verschiedenen Geschlechter und die Abkehr vom binären Geschlechterdenken. Wir betrachten Emanzipation und Gleichstellung als Gemeinschaftsprojekte, die nur in gesellschaftlicher Gesamtanstrengung geleistet werden können. Die Unterstützung einer Emanzipationsbewegung bedeutet für uns nicht, dass wir andere Gruppen benachteiligen oder als weniger wichtig betrachten wollen.

Equalismus als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Verpflichtung

Unter dem Begriff „Equalismus“ wollen wir verschiedene Aspekte der Emanzipationsbewegungen aufgreifen. Er steht für die Emanzipation und Entdiskriminierung des Einzelnen bei Beibehaltung aller individuellen Eigenschaften, die Menschen sich selbst zuschreiben. Jeder Mensch soll die Identifikationshoheit über die eigene Identität haben.

Aus diesem Bekenntnis folgt für uns ein Handlungsauftrag.

Am Anfang steht hierbei das Schaffen eines Bewusstseins, sowohl in Form einer inneren Emanzipation als auch eines gesellschaftlichen Diskurses, der gegen sexistische Strukturen ankämpft. Wir alle müssen uns der Rollenzwänge, mit denen wir aufwachsen, die wir verinnerlicht haben und mit denen wir manchmal auch andere konfrontieren, bewusst werden. Wir wollen eine Gesellschaft anstreben, in der diese Zwänge niemanden in seiner freien Entfaltung limitieren.

Außerdem wollen wir kontinuierlich an unseren internen Strukturen arbeiten, damit es allen möglich ist, sich gleichberechtigt innerhalb der Partei zu engagieren. Dazu wollen wir unter anderem Hierarchien durch das Konzept transparenter und neutraler Netzwerke ersetzen, um Macht dynamischer zu verteilen, zu egalisieren und teilweise aufzulösen. Die Piraten haben hier bereits eine solide organisatorische Basis, die entsprechend einer netzwerkorientierten Politik ausgebaut werden soll.

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14 Antworten zu “Positionspapier: Equalismus – Positionen zur Geschlechtergerechtigkeit

  1. Tom

    Ich würde das so unterschreiben, aber in welchen Berufsfeldern erhalten Frauen weniger Gehalt als Männer?

    Die Statistiken, die ich bisher gelesen habe, gehen vom durchschnittlichen Bruttoeinkommen aus. Das bedeutet aber, dass Frauen allgemein Jobs haben, in denen sie weniger verdienen. Nicht, dass sie im selben Berufszweig im selben Beruf mit identischer Qualifikation weniger Geld bekommen.

    Ist das wirklich so?

  2. Thomas.S

    Ja, das ist so.

    (Tom, denk über das was Du schreibst nach: Du redest Dir gerade die Tatsache, dass Frauen weniger verdienen als Männer, schön. Wenn in den Top-Positionen der Unternehmen nur Männer sind, bedeutet das automatisch, dass die Frauen alle schlechter qualifiziert waren? Nachdenken!)

  3. Jorges

    Volles +1 für die Zielsetzung, wichtig ist nun auch, die aktuelle Situation umfassend wahrzunehmen. Hier z.B. gibt es eine interessante Zusammenfassung aktueller statistischer Daten bzgl. Benachteiligung von Männern. Würde gerne mal gemeinsam mit Euch herausfinden, wie seriös die Daten und deren Interpretation sind: http://manndat.de/geschlechterpolitik/jungen-und-maenner-genderindex.html

  4. Tom

    Ich wollte hier nichts schön reden. Ich wollte nur sicherstellen, dass hier keine Statistiken fehlinterpretiert und Euch hinterher um die Ohren gehauen werden.

    Wenn man das Durchschnittsbruttogehalt von Frauen und Männern vergleicht und dabei nicht berücksichtigt, dass Frauen eben eher Jobs in niedrigen Positionen haben und deswegen weniger verdienen, vergleicht man Äpfel und Birnen.

    Dass Frauen es schwerer haben in Top-Positionen zu kommen, ist ein anderes Thema, aber das wurde durch den Satz auch nicht ausgesagt.

    Ich arbeite im öffentlichen Dienst und werde nach TV-L bezahlt. Gleiche Einstufung bedeutet gleiches Gehalt, unabhängig vom Geschlecht. Darum kann ich das Verhältnis in der freien Wirtschaft nicht beurteilen.

    Danke an Till für den Hinweise auf die Unterscheidung des statistischen Bundesamts zwischen unbereinigtem und bereinigtem Gender Pay Gap. Diese Info habe ich gesucht.

  5. datenritter

    Ich habe die ersten Absätze (bis zur Unterüberschrift) gelesen und finde sie großartig. Allerdings geht mir das ganze in einem Punkt irgendwie zu weit. Hier wird verlangt, dass Menschen keinen Rollenerwartungen mehr ausgesetzt sind. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube: Das ist weder realistisch – noch überhaupt wünschenswert. Würde dort „überzogenen Rollenerwartungen“ stehen, wäre ich dabei.

    Rollenbilder sind zum einen nicht zu beseitigen, und sie werden (glaube ich) schon allein aufgrund biologischer Unterschiede – mögen sie noch so klein sein – auch immer wieder geschlechtsspezifisch entstehen. Zum anderen sind sie auch ein Bedürfnis, denn sie geben Orientierung, das heißt: verringern den Aufwand im alltäglichen Miteinander. Nicht jeder Mensch möchte sich selbst erfinden, und kein Mensch möchte das permanent. Das Gehirn ist ohnehin eine Diskriminierungsmaschine – ohne Unterscheidung und ohne Rollenbilder wären wir schlichtweg tot. Wir haben das Bedürfnis, z.B. unser biologisches Geschlecht (aus ganz profanen Gründen) sichtbar zu machen.

    Wichtig ist für eine freiheitliche Gesellschaft, dass man „aus der Rolle fallen“ kann. Und dass Rollenbilder sich wandeln können. Nicht zu schwer, aber auch nicht so schnell und leicht, dass Orientierung auf der Strecke bleibt. (Um mal bei Äußerlichkeiten zu bleiben: Vor 50 Jahren galten lange Haare als unmännlich. Wer hat das beseitigt? Nicht die Hippies, sondern ausgerechnet die männlichsten der männlichen, die Metaller. Tja…)

    Genau wie die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Integration erst dann funktionieren können, wenn man akzeptiert, dass jemand, der sich von einer ihm fremden Kultur(!) „umzingelt“ fühlt, das als Bedrohung empfindet, und ihn nicht gleich als indiskutabel rassistisch abstempelt, muss Equalimus meines Erachtens menschliche Bedürfnisse wie Rollenbilder respektieren, auch wenn sie zu Problemen führen. Es sollte darum gehen, diese Probleme zu betrachten, nicht unsere Menschlichkeit und Unterschiedlichkeit wegzudekonstruieren.

    (Hinweis für spätere Zeiten, falls ich mal Außenminister werde: Ich belasse es bewusst bei dieser verkürzten Darstellung und behalte mir vor, meine Meinung beliebig und jederzeit zu ändern.)

    • Ja, Rollenbilder ‚vereinfachen‘. Das tun Regeln fast immer. Aber sind sie deshalb immer gut oder zu begruessen? Gesetzgebung und Staatsfuehrung ist in einer Diktatur auch um vieles einfacher als in einer Demokratie. Ist sie allein deshalb schon besser? Die Frage ist doch, ob wir es uns einfach machen oder die Schwierigkeit auf uns nehmen wollen, dem Individuum gerecht[er] zu werden.

      Es geht ja auch nicht daurm, Leute prinzipiell davon abzubringen, sich auf eine gewisse Art zu verhalten – selbst, wenn diese einem traditionellen Rollenbild entspricht. Aber ja, meines Erachtens sollten die Menschen die Moeglichkeit bekommen, das auf eine reflektierte Art & Weise zu tun. D.h. sie sollen sich bewusst dazu entscheiden [koennen]. Ist unser Motto nicht „denk selbst“? Natuerlich sit das anstrengend und schwierig – aber ich finde, die Vorteile [u.a. mehr persoenliche Freiheit] sind es wert.

  6. mustard

    Warum die Gehaltslüge nicht sonderlich gehaltvoll ist wird hier erklärt: http://www.brandeins.de/archiv/magazin/wir-lieben-die-vielfalt/artikel/die-besserverdienerinnen.html

  7. x-alina

    Den ersten Satz würde ich nochmal etwas umformulieren. Die Worte Sexismus und anerkennen in einem Atemzug zu lesen, stößt bei mir etwas auf.

  8. egal

    finde euer anliegen gut, aber das es ein väterrechtskreis in der piratenpartei gibt und selbst eure umfrage nicht gegendert ist, macht mich doch weiterhin stutzig

    • Warum? Weil Vaeter keine Rechte haben soll[t]en?

      • x-alina

        Väter sollten die selben Rechte und *Pflichten* wie Mütter haben. Die rechtliche Gleichstellung von Männern hat sich im diesem Jahr endlich verbessert, mit der gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter sieht es aber nach wie vor düster aus.

    • Naja, das nicht-gendern war einfach zwei Dingen geschuldet:
      1. Weniger Arbeit (wir haben eh wenig Zeit gehabt, und es sind uns viele fehler unterlaufen)
      2. Keine unnötige Debatte über das Gendern.

      Zu den Väterrechtskreisen: Ich finde das wichtig. Solange es keine rechten Spinner sind, sondern Männer, die sich gegen hegemoniale Männerbilder und für das Recht auf Einfluss im Privaten kämpfen: gerne. Sobald sie mit Biologism ankommen und naturalistischer Geschlechterdifferenz – werden sie weitestgehend geshitstormt 🙂

      • x-alina

        Es braucht endlich eine Gleichstellungsbewegung aller vernünftig denkenden Menschen, egal welchen Geschlechts! Gender lässt sich nicht nur von einem Geschlecht aus dekonstruieren, da müssen alle mitziehen.
        Ich würde mir wünschen, dass eine solche Bewegung von der Piratenpartei ausgehen könnte.

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