Ich bin Alltagssexist …. aber ich arbeite daran!

Ich bin ein Alltagssexist. Ich schaue Frauen auf den Hintern und auf ihre Brüste. In der U-Bahn, im Supermarkt oder auch auf der Straße. Werbung mit leichtbekleideten Frauen darin finde ich gut. Wenn mich Frauen nach technischen Sachverhalten fragen, erkläre ich es ihnen anders, als wenn ein Mann mich fragt. Ich verändere das Niveau der Erklärung – nach unten.

Ich schaue beim Überholen von der lahmen Sau vor mir – ist doch bestimmt ’ne Frau! Wenn ich aus dem Bürofenster jemanden beim Einparken beobachte, der sich besonders kompliziert anstellt, erwarte ich, dass eine Frau aus dem dann parkenden Auto aussteigt. Und wenn ich ehrlich bin: es nervt mich. Und das jeden Tag immer wieder. Ich weiß, dass dieses Verhalten falsch ist. Um genau zu sein, ist es sexistisch. Es entwürdigt andere Menschen, die nicht meinem Geschlecht angehören. Es erklärt sie zu Objekten, raubt ihnen einen Teil ihres Menschseins.

Ich will das alles nicht vorleben, weil es prägt. Noch mehr, es verstärkt und bestätigt sich immer wieder selbst, will mich und andere in vorgegebene Förmchen packen. Förmchen, die nicht zu uns passen. Ich weiß das alles. Ich weiß das alles und dennoch finde ich mich immer wieder in diesem Förmchen. Ich versuche, mich nicht von ihnen formen zu lassen. Versuche auszubrechen, aufzuzeigen, aufzuklären. Es gelingt stellenweise, zeitweise, teilweise. Und dann, wenn ich nicht aufpasse, schnappt das Gummiband zurück und ich ertappe mich wieder dabei, in ihnen zu denken. In diesen Augenblicken schäme ich mich dafür. Vor mir und vor den anderen Geschlechtern.

Dann versuche ich mich zusammen zu reißen, noch besser aufzupassen, noch mehr an mir zu arbeiten. Aber für je zwei Schritte vor kommt gefühlt ein Schritt zurück. Und es wird mir dabei nichts einfach gemacht. Es ist so erschreckend einfach mit zu schwimmen. Ich wurde über die letzten 30 Jahre als Mann sozialisiert. Ich bin in einer sexistschen Umgebung aufgewachsen, ohne das wissen oder reflektieren zu können. Für meine Eltern und mein Umfeld waren die Vorurteile und kleinen Späße gegenüber anderen Geschlechtern kein Problem, wurden auch nicht thematisiert.

Heute weiß ich ob der diskriminierenden Handlungen und Aussagen, musste dieses Wissen aber erst in langen Gesprächen lernen. In langen Gesprächen, in denen mir die Opfer der kleinen Späße und der beleidigenden Äußerungen ihre Sicht, ihr Empfinden und ihre Rezeption dieses, meines Handelns erklärt haben. Es war nicht einfach, zuzuhören, nicht einfach, anzuerkennen, dass ich selbst der Unterdrücker war. Ich brauchte Zeit, zu verstehen, dass ich in dieser Gesellschaft bevorzugt behandelt werde. Ich glaubte, zu den Guten zu gehören und musste feststellen, dass ich trotzdem Schlechtes tat.

Zum ersten Mal mit meinem Handeln konfrontiert sah ich mich gar selbst in der Opferrolle – der Feminismus will mich diskriminieren! Die Beispiele sexistischen Handelns empfand ich als Bedrohung, als Herabsetzung meiner selbst. „So bin ich nicht!“

Heute weiß ich: Ich bin so.

Aber ich will so nicht bleiben. Ich arbeite daran, in langsamen Schritten. Es ist ein schwerer Weg, der sich aber lohnt zu gehen. Und während ich so diesen Weg gehe, sage ich mir, wer und was ich bin, damit ich nicht so bleibe: Ich bin @herrurbach und @acid23 und ich bin Alltagssexist. Ich arbeite daran.

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Positionspapier: Equalismus – Positionen zur Geschlechtergerechtigkeit

Zum Bundesparteitag der Piratenpartei gibt es ein Positionspapier. Federführnd waren erklärte Kegelklubmitglieder. Solltet ihr den Antrag unterstützen wollen, so könnt ihr das hier tun: http://wiki.piratenpartei.de/Kegelklub/PositionspapierEqualismus Den Antrag selbst seht ihr hier: http://wiki.piratenpartei.de/Bundesparteitag_2011.2/Antragsportal/Q102

Antragstext:

Die Piratenpartei erkennt Sexismus als ein noch nicht überwundenes Problem unserer Gesellschaft an. Viele Menschen sind durch die an ihr Geschlecht geknüpften Rollenbilder und Erwartungshaltungen in ihrer individuellen Freiheit und ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Dieser Zustand ist für die PIRATEN, zu deren obersten Zielen die freie Entfaltung des Individuums gehört, nicht haltbar.

Noch immer wird Kindern anerzogen, dass ein bestimmes Verhalten für ihr Geschlecht unpassend sei, bestimmte Berufsfelder werden als für das männliche oder weibliche Geschlecht unangemessen deklariert. Beispielsweise erhalten Frauen noch immer in vielen Berufsfeldern weniger Gehalt als Männer und Männer werden oft in Sorgerechtsfragen benachteiligt.

Wir streben eine Gesellschaft an, in der Menschen nicht mehr aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechtes, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer selbstgewählten Identität oder anderer Eigenschaften benachteiligt werden oder Rollenerwartungen ausgesetzt sind. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, dessen Individualität zu respektieren und zu unterstützen ist. Davon unberührt ist die eigene Freiheit, für sich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu definieren. Diesen Idealzustand einer „postgender“ Gesellschaft streben wir an.

Piraten unterstützen Emanzipationsbewegungen

Die Piratenpartei sieht sich in einer emanzipatorischen Tradition. Die Frauenbewegung hat vieles zur Emanzipation der Menschen beigetragen, für das wir dankbar sind. Auch begrüßen wir eine emanzipatorische Bewegung seitens der Männer, die andere Männlichkeitsbilder einfordert. Wir wollen diese Emanzipationsbestrebungen fortführen und weiterdenken, uns aber nicht von außen vorschreiben lassen, welche Ziele wir übernehmen und welche Instrumente wir bei diesem Prozess verwenden.

Zu den wichtigsten Zielen, die wir unterstützen und für deren Verwirklichung wir uns einsetzen wollen, zählen die Dekonstruktion des sozialen Geschlechtes, die Gleichstellung und echte Chancengleichheit der verschiedenen Geschlechter und die Abkehr vom binären Geschlechterdenken. Wir betrachten Emanzipation und Gleichstellung als Gemeinschaftsprojekte, die nur in gesellschaftlicher Gesamtanstrengung geleistet werden können. Die Unterstützung einer Emanzipationsbewegung bedeutet für uns nicht, dass wir andere Gruppen benachteiligen oder als weniger wichtig betrachten wollen.

Equalismus als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Verpflichtung

Unter dem Begriff „Equalismus“ wollen wir verschiedene Aspekte der Emanzipationsbewegungen aufgreifen. Er steht für die Emanzipation und Entdiskriminierung des Einzelnen bei Beibehaltung aller individuellen Eigenschaften, die Menschen sich selbst zuschreiben. Jeder Mensch soll die Identifikationshoheit über die eigene Identität haben.

Aus diesem Bekenntnis folgt für uns ein Handlungsauftrag.

Am Anfang steht hierbei das Schaffen eines Bewusstseins, sowohl in Form einer inneren Emanzipation als auch eines gesellschaftlichen Diskurses, der gegen sexistische Strukturen ankämpft. Wir alle müssen uns der Rollenzwänge, mit denen wir aufwachsen, die wir verinnerlicht haben und mit denen wir manchmal auch andere konfrontieren, bewusst werden. Wir wollen eine Gesellschaft anstreben, in der diese Zwänge niemanden in seiner freien Entfaltung limitieren.

Außerdem wollen wir kontinuierlich an unseren internen Strukturen arbeiten, damit es allen möglich ist, sich gleichberechtigt innerhalb der Partei zu engagieren. Dazu wollen wir unter anderem Hierarchien durch das Konzept transparenter und neutraler Netzwerke ersetzen, um Macht dynamischer zu verteilen, zu egalisieren und teilweise aufzulösen. Die Piraten haben hier bereits eine solide organisatorische Basis, die entsprechend einer netzwerkorientierten Politik ausgebaut werden soll.

Zur Gleichstellung in Nerdkreisen

Einleitung
Es ist längst überfällig, dass ich über dieses Thema schreibe.
Es ist längst überfällig, dass wir uns alle offen mit diesem Thema beschäftigen.
Es ist längst überfällig, dass ich dies als weißer, (halbwegs) gutverdienender, nerdiger Mann tue.

Hier soll’s um Gleichberechtigung gehen und mal anders, als bei meinen sonstigen Texten, um die Gleichstellung von Menschen im täglichen Umgang und mal nicht ganz so global gesehen. Ja, liebe Leser_innen und Leser, das ist wichtig! Ich werd das mal an zwei Beispielen verdeutlichen und werde mich dabei nicht scheuen meine eigene Meinung da mit einzumengen.

Bei den Coderinnen
Immer wieder die gleiche Chose. Vielleicht seid ihr dem Phänomen auch schon begegnet. Und ich mein jetzt nicht, dass es verdammt wenige Programmiererinnen gibt. Das hat auch seine Gründe und hängt auch genau mit unserem Thema zusammen, was ich aber gerade ansprechen will ist was anderes. Ich bin ein wenig unterwegs in der Ruby on Rails Community, ist halt nen nettes Framework für ’ne sexy Sprache. Und in der großen weiten Welt der Programmiererinnen kommt es fast in regelmäßigen Abständen zu dem folgenden Phänomen.

Alle paar Monate kommt da so ein Arschloch auf irgend einer unserer hippen Techconfs auf die Idee, sich hinzustellen und eine sexistische Show abzuziehen. Der Großteil des Publikums nimmt das hin, stellenweise vielleicht mit Bauchschmerzen. Irgendwann platzt dann einer Programmiererin im Publikum der Kragen und sie setzt sich damit ihrer Profession gemäß auseinander: sie bloggt darüber.

An sich schon mal echt ne gute Sache. Soziale Missstände und respektloses Verhalten verschwinden ja nicht von selbst. Und meistens entwickelt sich dann auch im Anschluss eine Diskussion…
Naja, falls man es denn so nennen möchte. Es erscheint eher wie Glaubenskriege. Und ähnlich wie bei Glaubenskriegen haben diese Meinungsscharmützel immer wiederkehrenden Charakter von den stets gleichen Argumenten. Der Comic verdeutlich das ganz gut.

Bei den Piratinnen
Jupp, hier kocht das Thema auch schon länger. Ich hatte mir eigentlich schon nach Julias Blogpost bezüglich ihres letzten Shitstorms vor gehabt, endlich meinen längst überfälligen Artikel zum Thema Sexismus in Nerdkreisen zu schreiben. Aber wie das mit der Arbeit im Programmiererhamsterrad so ist…

Unabhängig davon, dass sich die Presse gerade auf die Fraktion in Berlin stürzt, weil’s da keine Quote gibt (und sie ja irgendwas zum skandalieren brauchen. Sonst würd ja auffallen, dass sie kaum Informationen aufbereiten…) sollten wir auch von unserer eigenen Partei nicht den Blick abwenden.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, das des Beispiel nicht so griffig gewählt ist. Klar, wir haben ne gute Anzahl krass sexistischer Trolle im Kielwasser (ich sag nur: Koks und Nutten) sowie arg bedenkliche Auswüchse (siehe AG Männer), allerdings stehen diesen, gerade hier in Berlin, verdammt viele offen agierende und denkende Leute gegenüber. Mensch kann postgender als stumpfes Ausblenden dieser Kategorien betrachten (als Privilegierter geht das ja ganz einfach) aber auch bitte bedenken, dass es viele gibt, die dieses auch als ein Ausbrechen aus den alten Rollenbildern und Biologismus betrachten (Die Stichworte lauten hier Transgender und Transvestismus).

Kinners, da steckt ein Muster dahinter
Oder, wie es so schön heißt: „Auch du hast Sexismen verinnerlicht!“. Ist so. Jede und Jeder von uns. Kann mir auch schlecht vorstellen, wie es ohne gehen könnte. Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft die auf festen Rollenbildern basiert und davon ärgerlicherweise auch nur genau zwei anbietet. Wir saugen das quasi mit der Muttermilch bzw. im Kindergarten auf. Alles wird in sie hinein gezwängt und diejenigen, die sie verinnerlicht haben verstärken sich noch untereinander, da sie sich ja die ewig gleichen Verhaltensweisen und Lebenspläne vorspielen.

Das ist jetzt für das geneigte Eichhörnchen auch nicht das neueste. Die Feministinnen beißen sich da auch schon länger die Zähne aus, ebenso wie die Streiter für homosexuelle Lebensweisen. Wichtig ist, dass wir uns mal alle dieser soziologischen Tatsache bewußt werden. Denn nur dann können wir wirklich mal angehen, die ständige und teilweise latente Diskriminierung von Menschen, die nicht in das allgemein vorgebetete Raster passen, in unserer Gesellschaft zu beenden. Das praktische daran: Jeder Mensch kann da direkt bei sich selbst mit anfangen! Das nennt sich dann nämlich Aufklärung, wenn man sich der Beweggründe für sein soziales Verhalten bewußt wird. Und die haben wir Menschen echt mal verdammt nötig. Ich hab übrigens den starken Verdacht, dass sich Kant jedes Mal in seinem Grab herum dreht, wenn irgend so’n Lehrer dieses unsägliche Zitat in der Schule vorbetet.

Aber ich komme vom Thema ab. Die aktuelle Situation, wie ich sie erfasse, ist folgende: Leute, die Verhaltensweisen aufweisen, die dem anderen Geschlecht zugeordnet werden, oder die einfach gefangen in dem falschen Körper sind oder beide Geschlechtsmerkmale aufweisen haben generell immer noch nichts dazu sagen und halten sich aus Furcht vor negativen gesellschaftlichen Sanktionen meistens aus der Diskussion heraus. Die Frauen hatten im letzten Jahrhundert echt gute Erfolge erzielt, was ihre Gleichberechtigung angeht. Zumindest auf dem Papier sind sie ziemlich gleichgestellt. Dummerweise kommt die Entwicklung da irgendwie nicht voran, es scheitert einfach zu viel an kulturellen und sozialen Hürden.

Männer, jetzt müssen wir ran!
Es ist dringend nötig das wir als die Priviligierten dieses Rollenschemas anfangen, daran zu rütteln. Und das sind wir! Wer da was anderes sagt möge mal bitte die Augen aufmachen und sich einfach nur mal anschauen, wie die Gehaltsverteilung zwischen den Geschlechtern so aussieht. Oder wie das mit der Machtverteilung unter den Geschlechtern aussieht. Nennt sich übrigens Patriachat, sollte Mann schon mal was drüber gehört haben. Wir müssen verstehen lernen, wie diese Mechanismen der Unterdrückung funktionieren um sie richtig brechen zu können. Diejenigen stärken, die gegen ihre aufgezwungenen Rollenbilder kämpfen und ihre Position mit unserer Unterstützung bestärken. Wir Männer brauchen dringend neue Rollenbilder für die Welt von heute und Morgen. Der Lohn für unsere Mühen wäre eine Gesellschaft, die wieder ein bisschen besser geworden wäre. Mit glücklichen Menschen, die nicht an den ihnen aufgestülpten Rollenbildern zerbrechen.
Die Herausforderungen der Informationsfreiheit verlangen eine zweite, eine richtige Aufklärung der Menschen. Wir alle müssen daran mit arbeiten, wenn wir in der Gesellschaft der Informationsfreiheit zu Hause sein wollen.

Männer, an die Arbeit!

(Autor: @acid23 / Daniel Schweighöfer)

Liebe Presse, wir müssen reden.

Wir, die „Frauen in der Piratenpartei“ – und unsere Selbstzuschreibungen sind wesentlich komplexer als die Medien das gerne hätten, das geht von „(weiblicher) Pirat“, „männliche Piratin“, „Piratin“ über „als Frau sozialisierter Mensch“ und „Mensch mit zwei x-Chromosomen“ bis zu „transsexuelles Eichhörnchen“ – sind mehr als nur dieses „Frau-Sein“, auf das wir stets reduziert werden. Wir sind auch ganz sicher mehr als nur zwei Brüste, und wir haben keine Absicht, diese auf irgendwelche Kandidaten-Listen oder in Kameras zu schieben, nur weil die Medien das gerne hätten und meinen, dass wir andernfalls ja völlig unter den Tisch fallen würden.

Wir haben es schon oft betont, müssen aber offenbar noch einmal daran erinnern: Es gibt sehr viele aktive (na, sagen wir der Einfachheit halber mal) Piratinnen, die sich durch die stets gleichen, verständnislosen, blöden Fragen der Presse verärgert fühlen könnten. Als wäre ihre Parteiarbeit nichts wert, weil sie NICHT auf der Kandidatenliste stehen wollten.

Hinzu kommt, dass das ‚Frauenproblem‘ zu einem sehr großen Teil durch die Wahrnehmung der Presse, die am etablierten Politikbetrieb geschult wurde, generiert wird. Auf die Frage „Warum steht nur eine Frau auf der Liste?“ könnte man antworten „Weshalb ist das relevant? Und Wofür?“ Wen oder was soll diese Liste repräsentieren? Warum ist es so wichtig, wer da drauf steht? Eines unserer Kernelemente ist unsere basisdemokratische Struktur: JEDER (und jede usw.) hat etwas zu sagen und JEDE/R, nicht nur die *ganz wichtigen Abgeordneten, die jetzt alles bestimmen werden* kann mitwirken und Einfluss auf den Kurs der Partei haben.

Es scheint ganz so, als wollten die Medien dieses Problem auf eine bestimmte Weise wahrnehmen, denn das gibt eine Story, und zwar eine, die sich schnell und einfach erzählen lässt. Die Komplexität des Problems „weibliche und sonstige Teilhabe“ wird dabei unzureichend erfasst. Durch die platte und undifferenzierte Fragestellung wird das „Frauenproblem“ reproduziert und am Leben erhalten, teilweise gar erst erschaffen. Das it schade und unnötig. Natürlich gibt es Probleme, über die wir gerne konstruktiv reden möchten. Die Frage „Hat die Piratenpartei ein Frauenproblem?“ hilft da jedoch nicht weiter. Liebe Presse, ihr schreckt hiermit viele interessierte Frauen ab, die wir freudig und freundlich aufgenommen hätten! Macht Euch doch einmal die Mühe, etwas genauer hinzuschauen, fragt doch einfach mal einige der Piratinnen, wie es ihnen geht und was ihre Beweggründe sind. Und erschreckt euch nicht vor differenzierten Antworten!

Das Engagement von Frauen in der Politik (und in technischen Berufen und wo nicht sonst noch überall) sehen wir auch als ein GESAMTGESELLSCHAFTLICHES Problem. Statt auftrumpfend die Piratenpartei als eine „frauenfeindliche“ Partei entlarven zu wollen, sollte man fragen, was generell in unserer Gesellschaft verändert werden könnte oder müsste, damit ALLE Menschen (und u.a. Frauen) besser teilhaben können. (Wir würden uns auch über Fragen freuen wie „Wo sind die Handwerker auf eurer Liste? Wo die Menschen mit anderem kulturellen und ethnischen Hintergrund? Wo die auf andere Art und Weise in der Gesellschaft Benachteiligten?“)

Hinweise wie „Selbst die CDU hat mittlerweile eine Quote“ sehen wir nicht als Ansporn. Stattdessen wollen wir lieber herausfinden, warum eventuell weniger Frauen (oder Eichhörnchen oder schüchterne Piraten oder…) für Listenplätze kandidieren, damit eine solche Liste repräsentativer auch für die Menge der aktiven Piraten wird und niemand ausgeschlossen wird. Und auch wissen, ob das überhaupt Not tut.

Es gibt bei uns durchaus verschiedene kontroverse Positionen zu einer Quote, viele halten sie eher nicht für das schlussendliche und allein selig machende Mittel, da sie die Einordnung von Individuen in ein binäres Geschlechtersystem erfordert und damit Heteronormativität reproduziert.

Es gibt kein Problem für eine Frau, wenn sie kandidieren wollte. (Eher im Gegenteil.) Es sind keine Fälle bekannt, wo Frauen, die für etwas kandidiert haben, nicht gewählt wurden, weil sie FRAUEN sind. Dass aber viele Frauen nicht kandidieren wollten, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen.

Wer  uns ernst nimmt – und vorgeblich nimmt man uns ernst, wenn man sich  Sorgen um unsere Position in der Piratenpartei macht und damit  Schlagzeilen füllt – sollte uns auch ernst genug nehmen, mit uns  persönlich zu sprechen. Wenn gutmeinende Presse nicht mit uns, sondern nur über uns redet, ist das nicht emanzipatorisch, sondern im Gegenteil paternalisierend.
Für eine Reportage über aktive Piratinnen kann man uns gerne kontaktieren. Aber die Frage „Und wieso engagiert man sich als Frau in der Piratenpartei?“ sind wir reichlich satt. Die wird nicht mal mehr mit einem müden Lächeln quittiert. Wir engagieren uns als Menschen und nicht als Frauen in der Piratenpartei. Denkt mal drüber nach.

(Verfasserin: @_noujoum)

wegen der ‚Eichhörnchen‘

Diese Nachricht erreichte mich. Die Piraten sind vielleicht nicht post-gender, aber sie wollen es sein. Und das findet folgend jemand wirklich toll 🙂 Mit Erlaubnis veröffentliche ich diese Mail nun.

Hallo,

dies wird eine etwas längere mail, entschuldige bitte.

Ich kann mich nicht erinnern, mich je über ein politisches Ereignis in Deutschland so sehr gefreut zu haben wie über den Erfolg der Piraten letzten Sonntag. Am liebsten wäre ich selbst Pirat, aber da gibt es ein kleines Problem, das ich noch zur Sprache bringen werde.

Neben vielen anderen Aspekten freut mich an den Piraten besonders, dass sie eine post-gender-Partei sind. Ich kenne meinen Foucault, wie Du ja auch, und spare mir daher inhaltliche Erörterungen – wer weiß, vielleicht kommt es ja dazu, dass wir uns einmal über diese Dinge unterhalten. Die ‚Transsexuellen Eichhörnchen‘ finde ich derart genial, dass ich damit sogar eine Freundin in Australien zutexte. Jetzt komme ich allmählich zum Punkt.

Mein kleines Problem ist nämlich, dass ich mtf-transsexuell bin. Ich lebe ‚in the closet‘, und zwar schon lange, weil ich mich unter dem deutschen TSG selbst für geisteskrank erklären und mich einem barbarischen Gutachter-Verfahren ausliefern müsste, um physisch und sozial zu sein, was ich bin. Du weißt wahrscheinlich, dass das TSG mehrmals für verfassungswidrig erklärt wurde und eine Menschenrechtsverletzung darstellt. In der Praxis ändert das bisher absolut nichts, und ich bin überzeugt, dass es in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte so bliebe – wenn es die Piraten nicht gäbe. Da ich Kontakte zu Piraten habe, werde ich hin und wieder über diese ein paar Ideen einwerfen, vielleicht auch zu anderen Themen, denn es gibt ein paar Gebiete, von denen ich einige Ahnung habe.

Ich könnte die Piraten natürlich in Sachen post-gender beim Wort nehmen und einfach beitreten. Aber das ist mir zu gefährlich, unsereins ist einfach zu verwundbar. Die Schwäche, in Auseinandersetzungen mit cisgender-Menschen trans zu sein, ist durch nichts zu kompensieren, und selbstverständlich kann durch ‚versehentliche Indiskretion‘ und derlei ziemlich großer Schaden entstehen. Es ist natürlich einer der Haupterfolge des TSG, trans-Menschen durch Pathologisierung sozial und politisch zu lähmen.

Was ich gern wüßte: Sind bei den ‚Eichhörnchen‘ eigentlich ‚echte‘ Transfrauen und Transgender? Falls nicht, tut das der Initiative in meinen Augen keinerlei Abbruch, im Gegenteil, es ist nun mal selbst in Deutschland ziemlich schwierig, Normale zu pathologisieren. Ein Gruppe, die einfach ’nur so tut‘, kann die Heteronormativität schön herausfordern, ohne die Mitwirkenden zu gefährden. Politisch wäre das sehr klug. Trotzdem: ich wüßte gern, wie es hinsichtlich ‚echter‘ Transfrauen und Transgendern bei den ‚Eichhörnchen‘ aussieht. Gibt es welche, wüßte ich gern, wie sie in der Gesamt-Partei aufgenommen werden, und mit welcher Unterstützung sie rechnen können.

Wenn ich Pirat wäre, würde ich versuchen, eine Arbeitsgruppe zum Thema Pathologisierung zu initiieren, und zwar nicht nur in diesem Bereich. Zum Beispiel sind stereotype Anwürfe gegen Computerspieler und Nerds im Ansatz ganz klar Pathologisierungen, und der Dreiklang: Feststellung von Normverstoß – Pathologisierung – Charakterisierung als Gefahr ist definitiv in Gang gesetzt. Das sollte die Piraten eigentlich interessieren, desgleichen eine Untersuchung zum Thema Alltags-Pathologisierung (‚Du brauchst Hilfe‘) als Element von Machtverhältnissen und Normalisierungsprozeduren. Außerdem wären solche Ansätze wie Pathologisierung von Menschengruppen im Rahmen von neuen Rassismen (Sarrazin) sicher nicht uninteressant. Fühle Dich bitte herzlich eingeladen, die Idee weiterzureichen, wenn sie Dir gefällt, durchführen sollten das auf jeden Fall Nicht-Pathologisierte.

Was ich mir von den Berliner Piraten herzlich wünsche, ist eine Untersuchung der Berliner TSG-Praxis. Das TSG ist ein Bundesgesetz, aber umgesetzt wird es natürlich auf untergeordneten Ebenen. Zum Beispiel sind folgende Fragen sehr interessant: Nach welchen Kriterien werden die Gutachter eingesetzt? Sind es etwa immer die selben? Wie ist die Abschussquote von Berliner Gutachtern und den zuständigen Gerichten, d.h. negative Befunde, Psychatrisierungen, Suizid? Immerhin bezahlt das alles der Steuerzahler, man könnte also zum Beispiel vorrechnen, wie viele Kosten entfielen, wenn das TSG ersatzlos gestrichen würde. Außerdem könnte es ja sein, dass es einigen Steuerzahlern nicht gefällt, was sie da finanzieren, nämlich eine fortgesetzte Menschenrechtsverletzung.

Eine Geschichte, die mir erzählt wurde und die sich in Berlin zugetragen haben soll: Eine Transfrau hatte ihren Spießrutenlauf (‚Praxistext‘ oder ‚Alltagstext‘) fast überstanden, als sie den Fehler machte, vor dem Gutachter in Turnschuhen zu erscheinen. Dieser sprach ihr daraufhin ihre Transsexualität ab, weil niemand mit einem echten weiblichen Selbstbild jemals Turnschuhe tragen würde. Es wurde ihr mitgeteilt, sie könne nach mindestens einem Jahr den ‚Alltagstest‘ neu antreten. In der Version, die ich gehört habe, nahm sie sich das Leben. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist oder nur charakteristisch.

Ich denke, Know-How könnte man sich gut bei Transgender Europe (TGEU) abholen, TransInterQueer sitzen in Berlin und sind anscheinend ziemlich gut vernetzt. Es würde mich sehr wundern, wenn ein solches Vorhaben seitens der Berliner Piraten dort nicht rege Unterstützung finden würde. Es ist also absolut nicht nötig, zum Thema TSG-Praxis das Rad neu zu erfinden.

Möglicherweise könnte eine Piraten-Aktion im Rahmen einer Menschenrechtsproblematik einige bereits gegen die Piraten aufgebaute Vorurteile erschüttern, zudem wäre es eins aufs Auge für die verantwortlichen Parteien sowie diejenigen, die sich wenig oder gar nicht um das Thema kümmern. Den GRÜNEN wird es zum Beispiel gar nicht gefallen, wenn man ihre Dauerattacken auf die Piraten in Sachen Gender kontert, indem man sich eines ziemlich explosiven Gender-Themas annimmt, bei dem die GRÜNEN nicht viel vorzuweisen haben.

Ich selbst kann, wie gesagt, nichts tun außer Vorschläge äußern. Ich bin bei keiner der genannten Organisationen aktiv, kenne dort niemanden und meine es, wie man so sagt, nur gut.. Bevor Du eventuell nachfragst: Ich lebe in Berlin, bin alt (Mitte 40), häßlich und arm. Ich glaube also nicht, dass ich eine Bereicherung für die Eichhörnchen sein könnte, selbst wenn ich mich zu den Treffen trauen würde, was nicht der Fall ist.

Ich würde mich aber freuen, wenn Du mir antworten würdest.

Dir und den Piraten alles Gute

Kegelsoirée

Mit den „Frauen“ in der Piratenpartei ist das ja so eine Sache. Nicht nur haben wir, wahrscheinlich, so wie auch alle Parteien, weniger Piraten mit zwei x-Chromosomen in der Partei als anteilig an der Gesellschaft, auch finden wir diese Schubladen irgendwie doof und archaisch, überflüssig und einengend. Postgender wäre die Welt viel schöner.

Leider haben das weder die Menschen, noch die Presse verstanden. Deswegen schreiben sie dauernd (zuletzt im Tagesspiegel) über die Frauen und wie schlimm das sein muss, als Frau unter Nerds und sowieso und überhaupt. Nun, natürlich sind wir nicht frei von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich auch bei den Piraten widerspiegeln (auch wenn wir uns echt anstrengen!!!) – aber wir lehnen diese zweiteilige Trennung in Geschlechter und die damit verbundene Limitierung des Einzelnen zur freien Entfaltung strikt ab. Alle Menschen sollen sich frei entscheiden können welche Merkmale von welchen Geschlechtern sie präferieren.

Nun befinden wir uns im Wahlkampf und dachten uns: Wenn die Medien schon über die „Frauen“ berichten wollen, dann laden wir sie doch mal ein, mit „uns“ zu reden, nicht immer nur über „uns“:

Liebe Piraten mit weiblichem Vornamen, transsexuelle Eichhörnchen und selbsternannte Piratinnen,

es ist nervig, immer über die „Frauen“ in der Piratenpartei zu lesen. Ebenso ist es nervig, wenn wir schon in der Schublade der armen Frauen in der Nerdpartei sind, nicht selbst gefragt zu werden. Das wollen wir der Presse nun ermöglichen –  und dafür brauchen wir natürlich euch, die Schubladenelemente. Deswegen hat sich der sagenumwobene Kegelklub der Piratenpartei zusammengesetzt und überlegt: Wir zeigen den Journalisten dieser Stadt die „Frauen“ der Partei, und zwar in allen Facetten.

Der Kegelklub der Piratenpartei ist eine Gruppierung von Piraten, die sich gelegentlich oder immer ein bisschen „weiblich“ fühlen. Die genaue Mitgliederkonstellation wird zu jedem Treffen dynamisch allokiert. Grundsätzlich sind wir ein virtueller Stammtisch, der sich in der realen Welt trifft.  Und über Politik redet. Aber auch über Mode oder Quantencomputer.

Und das wollen wir nun mit einer ganz großen Gruppe tun. Inklusive Presse, damit die mal ein Bild von den „Frauen“ in der Partei bekommt – genauso bunt und individuell, wie es ist. Ob mit oder ohne Feminismus.

Also:

Kegelklubsoirée (fb.me/16FIJyoKA )

Mitbringen: Gute Laune und Redelust.

Um schicke Garderobe wird gebeten 😉

Salut!

Manifest der Liga der transsexuellen Eichhörnchen

Wir sind eine Gruppe bunt gemischter Menschen aller Geschlechter. Viele von uns sind Frauen und nennen sich Piraten, froh, einen Begriff zu haben, der sie nicht in eine Geschlechterschublade steckt. Andere nennen sich Piratinnen, noch andere mögen ganz andere Begriffe für sich gefunden haben. Wir möchten festhalten:

Es ist eine Unverschämtheit, andere blöd anzumachen, weil sie sich so bezeichnen, wie sie sich fühlen. Es ist eine Unverschämtheit, jemanden auszubuhen, der versucht, andere so anzusprechen, wie sie sich vielleicht fühlen. Es ist nicht nur unverschämt, sondern auch gefährlich, wenn Mehrheiten sich so gegenüber Minderheiten verhalten: Dann trauen die sich nämlich irgendwann nicht mehr, zu sagen, was sie sagen wollen.

Wir wollen Menschen nicht in Kategorien einordnen. Wer sich jedoch selbst einer Kategorie zuordnen möchte oder glaubt, dass „Pirat“ bereits eine Kategorie sei (nämlich männlich besetzt) und in dieser Kategorie nicht sein möchte, der hat das Recht dazu. Wir hingegen haben die Verantwortung, diese Selbstbezeichnung zu respektieren und zu beschützen gegenüber denen, die es nicht tun.

Darauf verpflichten uns das geschlechter- und familienpolitische Programm der Piratenpartei, unsere Ideale von Pluralismus und (Meinungs-)Freiheit und jeder vernünftige moralische Standpunkt.

Quelle: http://wiki.piratenpartei.de/Die_Liga_der_transsexuellen_Eichh%C3%B6rnchen_and_Friends_f%C3%BCr_Pluralismus,_%28Meinungs-%29_Freiheit_und_Fairness